Hóhol und der Mythos Kosakentum
Wege zu einer eigenständigen ukrainischen Nation
Kerstin S. Jobst
Foto: Tina Hartung
Kerstin S. Jobst
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In diesem Essay wird für ukrainische sowie russische Begriffe und Namen die wissenschaftliche Transliteration verwendet.
Ukraïna bzw. Ukraine – das bedeutet am Rande[1] , bezeichnet also eine Mark, wie man sie auch aus anderen Weltgegenden kennt (im deutschen Sprachraum beispielsweise die Mark Brandenburg oder die Steiermark). Am Rande verweist in der historischen Genese auf eine Existenz jenseits der politischen und ökonomischen Zentren. Ein Leben an der Peripherie von Großreichen oder gar Imperien stellt einen historischen Normalfall dar; es ist auch heutzutage keineswegs von Nachteil am Rande zu leben (bessere Luft, günstigere Mieten etc.). In früherer Zeit kam ein weiteres hinzu: Abseits der direkten Zugriffsmöglichkeiten des Zentrums, der Machthaber, der Könige, Feudalherren oder auch der Kirche, öffneten sich der dortigen Bevölkerung oftmals beachtliche Freiräume, die anderswo undenkbar waren. Klare Zuordnungen zu den anliegenden und konkurrierenden Herrschaftsbereichen fehlten zudem häufig; so konnte dort eine ambivalente Loyalität der ethnisch und religiös heterogenen Bevölkerung entstehen. Hinzu kamen sozial fluktuierende Strukturen sowie permanente Kleinkriege mit anderen Akteuren, was das Leben am Rande allerdings auch gefährlich machte. Es gibt zahlreiche populäre Beispiele aus Literatur, Volkstum und „realer“ Geschichte über solche Regionen. Sie sind oft romantisch verklärt, aber dennoch nicht ohne „wahren“ Kern. Man denke an Figuren wie Robin Hood oder an die in der Balkanregion verorteten Heiducken. Im deutschen Sprachraum sei auf den „Schinderhannes“ Johannes Bückler verwiesen, der schon zu Lebzeiten am Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer Legende wurde (und dessen Geschichte wiederholt verfilmt wurde, u. a. mit Curd Jürgens, 1958). Auch in diesem Fall setzte eine Legendenbildung ein, die zwischen der Verklärung eines Berufsverbrechers und der Stilisierung eines romantischen Helden changiert. Das Bild des „edlen Räubers“, das zahlreiche Volkslieder, Erzählungen, Bühnenstücke und Filme von ihm zeichneten, ist jedoch ein Mythos, der mit der historischen Wirklichkeit wenig bis nichts zu tun hat. Auch in der ukrainischen Geschichte gibt es populäre Beispiele für – wie man heute sagen würde – „Outlaws“, die sich gegen die Obrigkeit auflehnten: allen voran die Zaporoher Kosaken. In der Zaporoher Sič, dem Land hinter den Stromschnellen des Dnipro, trafen Menschen unterschiedlicher Herkunft, sozialen Schichten und Religion aufeinander; so lebten dort u. a. Slaven, Muslime und Juden zusammen. Zeitweise standen sie v. a. im Dienst und im Sold des polnischen Königs, doch paktierten sie zuweilen auch mit dessen Gegnern. Gleichwohl wird ein Ursprung des sich später ausbildenden ukrainischen Sonderbewusstseins dort verortet[2], und in der Moderne entstand ein Sonderbewusstsein abseits russischer und auch polnischer Identitätsbildungen. Die Kosaken sind nur eines von mehreren Elementen, aus denen sich die Vorstellung eines distinkten Ukrainertums und der heutigen eigenständigen ukrainischen Nation speist. Die Erzählung der auch heute noch populären „Kosaken-Freiheit“ ist dennoch zum nationalen ukrainischen Mythos geworden. Die Kosaken selbst – als Bewohner am Rande, die später zum Sinnbild des Ukrainertums wurden – verstanden sich damals nicht als nationalbewusste Ukrainerinnen oder Ukrainer, denn Nationen im heutigen Sinne formierten sich erst in späterer Zeit.
Die Zaporoher Kosaken haben außerhalb der Ukraine meist eine weniger positive Reputation. So urteilt der schottische Journalist Neal Ascherson beispielsweise in seinem berühmten Buch The Black Sea (1995) über Kosakengemeinschaften: „Verglichen mit den indoiranischen Völkern der Antike und mit einigen der Turkvölker, die auf sie folgten, waren die Kosaken primitiv. Gewalt, Volkstum und Männlichkeit sind selten die Werte einer stabilen und traditionsbewussten Gesellschaft, sondern eher die von Banditen.“ Derweil wurde im 19. Jahrhundert im Zarenreich selbst deutlich wohlwollender auf die Kosaken geschaut, woran auch der Historienmaler und Vertreter des russischen Realismus Ilja Repin (1844–1930) einen wesentlichen Anteil geleistet hatte. Er selbst war kosakischer Abstammung und galt schon unter seinen Zeitgenossen als einer der wichtigsten russischen Maler und als hervorragender Vertreter des Realismus (auch wenn er selbst zuweilen auf romantisierenden „Redeschmuck“ zurückgriff). Er verarbeitete wiederholt das Kosaken-Sujet und „kleinrussische“ (ukrainische) Themen in seiner Kunst, u. a. in seinem Gemälde Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief, auf dem eine angebliche Szene aus dem Jahr 1676 dargestellt ist, während eines der zahlreichen Osmanisch-Russischen Kriege. In diesem sollen sie den osmanischen Sultan Mehmed IV. verhöhnt haben. Beeinflusst von Repins Arbeiten verbreitete sich in der russischen Kunst, Musik und Literatur ein positives Bild der bereits 1775 von Katharina II. aufgelösten Zaporoher Sič und deren Bewohner: die Kosaken als Anhänger der slavischen Orthodoxie und als Gegner des katholischen Polen-Litauens, des Osmanischen Reiches und des Chanats der Krim. Dem Bild des freiheitsliebenden, kampferprobten Volks, der an der Seite des russischen Zaren und der Rechtgläubigkeit stehenden Kosaken wurde im Imperium viel Sympathie entgegengebracht – zumindest so lange, wie der „kleinrussische“ Einschlag nur als Variante der dominierenden, hochkulturellen, großrussischen Norm bewertet wurde.
Ende des ausgehenden 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts war europaweit ein Prozess zu beobachten, den Friedrich Engels in seiner Schrift Der demokratische Panslawismus (1849) recht abwertend als eine Art „Erwachen“ der von ihm als „geschichtslos“ bezeichneten Nationalitäten beschreibt; Nationalitäten, denen im Laufe der historischen Entwicklung eine eigene Oberschicht abhandengekommen wäre oder bei denen sie sich erst sehr spät herausgebildet hätte. Engels befasst sich zwar nicht explizit mit dem ukrainischen Fall, meint diesen aber offenbar mit. Russen und auch Polen zählt er ausdrücklich zu diesen historischen Nationen. Der ukrainische Nationenbildungsprozess hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seinen Anfang genommen, und bereits damals zeigte sich, dass sowohl Polen als auch Russland der Ukraïna historisch im Guten wie im Schlechten eng verbunden waren. Die ukrainische Nationswerdung vollzog sich in der Abgrenzung und Symbiose zu diesen beiden Nationalitäten. Das Leben und Werk Mykóla Hóhols (Nikolai Gogols) (1809–1852) ist für diese Entwicklung und Phase des Übergangs geradezu paradigmatisch. Er wurde in der Region Poltava im ehemaligen Hetmanat der Zaporoher Kosaken als Sohn eines Grundbesitzers geboren, dessen Familie eine „edle“ kosakische Herkunft für sich reklamierte. Er begann zu schreiben und feierte mit seinen „volkstümlichen“ Erzählungen Abende auf dem Weiler bei Dikanka (Večera na chutore bliz Dikan’ki, 1831/32), in die er eine ganze Reihe an Ukrainismen einflocht, erste Erfolge – schon vor dem Entstehen seiner bekanntesten Werke wie Der Revisor (1836) oder Die toten Seelen (1842), die ebenfalls einen engen Bezug zu seiner ukrainischen („kleinrussischen“) Herkunft aufweisen. Den zweiten Teil der Abende nimmt auch der russische Komponist Nikolaj Rimskij-Korsakov (1844-1908) in seiner Oper Die Nacht vor Weihnachten als Ausgangspunkt. Hier werden „kleinrussische“ sprachliche Wendungen – das Ukrainische wurde erst knapp hundert Jahre in der Sowjetunion kodifiziert –, pralles dörfliches Leben und phantastische Elemente vereint. Hóhol wurde in der Folge zu einem wichtigen Vertreter der sogenannten ukrainischen Schule in der russischen Literatur.
Im durch Preußen, die Habsburgermonarchie und das Russländische Reich von der Landkarte getilgten Polen (Teilungen Polens zwischen 1772 und 1795) ist zur selben Zeit eine vergleichbare Entwicklung zu beobachten, die u. a. mit den polnischen Dichtern Seweryn Goszczyński und Józef Bohdan Zaleski verbunden und der eine „romantische Verklärung“ ukrainischer Motive gemein ist. Die Romantisierung, Exotisierung und Mystifizierung des Lebens des „einfachen Volks“ und der aus unterschiedlichen Gründen als „fremd“ wahrgenommenen Gruppen war in der Zeit ohnehin ein allgemeiner europäischer Trend und keineswegs auf Osteuropa beschränkt.
Der bereits erwähnte Maler Repin war Jahre später voller Bewunderung für das Schaffen Hóhols und dessen Beschreibung der Zaporoher Kosaken: „Alles, was Gogol über sie [die Kosaken] geschrieben hat, ist wahr! Ein Teufelsvolk! Niemand auf der ganzen Welt hat so tief die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefühlt.“ Diese Beschreibung war quasi eine Blaupause für das Leben der „Kleinrussen“ (des ukrainischen Volks) als kämpferisch, freiheitsliebend, edel, kühn – und dennoch der zarischen Macht und der Orthodoxie verpflichtet! Hóhol markiert nur einen der (nicht nur) literaturwissenschaftlich relevanten Übergänge von regionaler Volkstümlichkeit zu Nationsbildungsprozessen. Im Zusammenhang mit seinem Werk und der Kosaken-Narration darf der kurze Hinweis auf Hóhols Erzählung Taras Bulba nicht fehlen. Er ist eine weitere Variante des kosakischen „Plots“ in der ukrainischen/russischen Literaturgeschichte und 1835 als Teil des Sammelbandes Mirgorod erstmalig veröffentlicht worden. Das tragische Schicksal des Zaporoher Kosaken Taras und seiner Söhne Andrij und Ostap bildet den erzählerischen Kern im Kontext der Konflikte zwischen der polnischen Krone und den Kosaken im 17. Jahrhundert. Die Geschichte ist einem westlichen Publikum vor allen Dingen durch die Verfilmung von 1962 mit Yul Brynner als Taras sowie Christine Kaufmann und Tony Curtis ein Begriff.
Hóhol ist ein wichtiger Vertreter einer volkstümlichen und relevanten Übergangsphase eines nicht linear verlaufenen ukrainischen Nationsbildungsprozess und der Entwicklung der ukrainischen Sprache – in der Gesamtbetrachtung jedoch nicht der Wichtigste: Auch wenn manche deutschsprachige Leser:innen bei der Erwähnung des Namens Ševčenko zuerst an den ukrainischen Ausnahmefußballer Andrij (geb. 1976) denken – dieser ist nicht der Vater einer gedachten ukrainischen Nation. Dieser Titel gebührt zuvorderst seinem Namensvetter Taras Hryhorovyč Ševčenko (1814–1861). Ševčenko war und ist sozusagen der „ukrainische Goethe“; ein von seinen russischen Freunden und Künstlerkollegen aus der Leibeigenschaft freigekaufter Maler und Dichter. Hinsichtlich seiner Bedeutung für die ukrainische Sprache und Kultur übertrifft er Autor:innen des 19. und 20. Jahrhunderts wie Ivan Franko und Lesja Ukrainka deutlich. Ševčenko wurde schon zu Lebzeiten innerhalb der Petersburger intellektuellen Gesellschaft zu einer hofierten und verehrten Legende. Allein seine Vita taugte bereits zur Legendenbildung – vom Leibeigenden zum Maler, Schriftsteller und Forschungsreisenden. Die Widersprüche im Verhältnis zwischen dem „Kleinrussen“ und dem Imperium werden bereits an diesem Beispiel evident – mit folgendem Hintergrund:
Nachdem Polen 1795 für mehr als 120 Jahre von der europäischen Landkarte verschwunden war, experimentierte St. Petersburg für einige Jahre mit verschiedenen Politiken in den neuerworbenen Gebieten. Entgegen der gerade auch in polnischen nationalen Mythologien liebgewonnenen Vorstellung der totalen Pression durch die russische Macht, behielt Vieles vorerst seine Gültigkeit: Die im polnischen Staat übliche lokale Selbstverwaltung wurde nicht abrupt abgeschafft, sondern verblieb in den Händen der alten Eliten; das eingesetzte zaristische Personal integrierte sich überwiegend problemlos in die lokale Gesellschaft, und russische Gesetze sowie sonstige Normen wurden erst mit größerer Verzögerung und schrittweise implementiert. Polnische und ukrainisch-stämmige Oberschichten kollaborierten überwiegend mit Vertretern der imperialen Macht. Allerdings wurden viele überkommene Sonderregelungen nach den polnischen Aufständen der Jahre 1830/31 und 1863/64 wieder zurückgenommen. Weiterhin bestand aber die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg – sofern man denn bereit war, das höhere, und das hieß bis 1905 russischsprachige, Bildungssystem zu durchlaufen. Dies gelang ukrainischen Angehörigen der Oberschicht, die beispielsweise dem deklassierten Kosakenadel entstammten, problemlos. Eine kleine Schicht bewahrte sich zudem das Bewusstsein ihrer „kleinrussischen“ Herkunft und zog daraus unterschiedliche Schlüsse ihrer national-politischen Agenden: Es ist zu vermuten, dass sich auch Hóhol dazu seine Gedanken gemacht hat … Während z. B. der spätere Historiker der St. Petersburger Universität Nikolaj (ukr. Mykola) Kostomarov (1817–1885), oder der Schriftsteller und Ethnograph Pantelejmon Kuliš (1819–1897) sowohl ein ukrainisches Sonderbewusstsein als auch die Notwendigkeit einer allslawischen, also einer das Russentum inkludierenden Solidarität betonten, schlossen andere, wie Ševčenko, einen bewaffneten Kampf gegen die Zarenmacht nicht aus. Diese verschiedenen, sogenannten ukrainophilen Kreise im Zarenreich sahen sich schon früh staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Ein Verständnis für eine differente ukrainische Identität entwickelten die herrschenden russischen Zirkel nicht und sie unterdrückten die ukrainische Sprache mit Verboten. Dieser Druck führte schließlich in Kombination mit der schlechten Lage der bäuerlichen Unterschicht zu einer gewissen Radikalisierung der zahlenmäßig allerdings kleinen ukrainophilen Bewegung. Die auch in den ukrainischen Gebieten des Zarenreichs eingeführten sogenannten Großen Reformen ab den 1860er-Jahren hatten nämlich auch dort keine grundlegende Sanierung der bäuerlichen Schichten bewirkt. All dies gehört auch zur Vorgeschichte der Russischen Revolutionen von 1905 und 1914–1918, die keineswegs nur die russische Bevölkerung des sich auflösenden Imperiums betraf. Wie der vergleichsweise jung verstorbene Hóhol auf diese Ereignisse reagiert hätte, ist ohnehin nicht feststellbar. Doch schon zu seiner Zeit war der Grundstein gelegt für einen eigenen ukrainischen Weg, der sich fortan Stück für Stück von den polnischen und russischen Identitätsangeboten entfernte.
[1] Manche Sprachforscher:innen stellen diese Übersetzung infrage.
[2] Die ukrainische nationale Erzählung nahm nicht nur auf die frühneuzeitlichen Kosaken Bezug, sondern u. a. auch auf die mittelalterliche Kyjiver Rus’ und das seit 1198 existierende Fürstentum Halyč-Volhynien.
Kerstin S. Jobst ist – nach akademischen Stationen u. a. in Hamburg, Mainz, Krakau und Salzburg – seit 2012 Professorin für „Gesellschaften und Kulturen der Erinnerung im östlichen Europa“ am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht u. a. die Geschichte Polens, der Ukraine, Russlands, des Schwarzmeer-Raums einschließlich der Krim und der slawischen Peripherien der einstigen Habsburgermonarchie; aber auch die Vergleichenden Imperiums- und Kolonialismusforschung, Religionsgeschichte und Hagiographie, der Erinnerungskulturen und der Geschichtspolitik. Sie ist Herausgeberin und Verfasserin einer Vielzahl einschlägiger Publikationen, darunter das Grundlagenwerk Geschichte der Ukraine im Reclam-Verlag, ihre Habilitationsschrift Die Perle des Imperiums. Der russische Krim-Diskurs im Zarenreich sowie der Monographie Geschichte der Krim. Iphigenie und Putin auf Tauris (2025 auch auf Englisch). Die Honorare, die sie für Texte über die Ukraine erhält, spendet sie an verschiedene Organisationen, die die Ukraine unterstützen. Das Honorar für diesen Artikel spendet sie der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenze“.