OR Was sind für dich die größten Unterschiede zwischen Rheingold und Walküre? Geht das bruchlos ineinander über? Oder ist Das Rheingold doch ein Solitär?
VJ Wenn, dann würde ich die Walküre als Solitär bezeichnen. Im Rheingold hat Wagner das epische Theater, wie er es in seinem eigenen „Evangelium“ Oper und Drama formuliert hat, mit einer fast extremistischen Schärfe, mit dem Radikalismus der Erfüllung des eigenen Versprechens umgesetzt und dies dann im Siegfried wieder aufgenommen. Die Götterdämmerung ist eine Vermischung von allem. Im Gegensatz dazu ist die Walküre ausschließlich lyrisches Theater, Theater der Seele, Theater des Herzens. Theater der Menschen. Die Götter wirken zwar mit, aber sie ähneln den Menschen stark. Und sie scheinen auch mit allen möglichen menschlichen Problemen weit mehr beladen zu sein als beispielsweise noch im Rheingold. Hier dagegen haben wir ein reines Psychodrama, nach Art eines Strindberg, eines Ibsen oder Tschechow. Zugleich sind die Verbindungen zur griechischen Antike sehr deutlich. Hier finden sich Elemente des Ödipus-Dramas, die im Siegfried noch stärker zutage treten. Und zum anderen sind da die Elemente des Prometheus-Mythos: Brünnhilde ist Prometheus.
OR Viele halten Die Walküre für das stärkste Stück des Rings.
VJ Die zeitgenössische Kritik hat das Stück oft als das schwächste der vier Werke angesehen! Caesar Cui zum Beispiel, ein sehr angesehener russischer Kritiker, Mitglied des Mächtigen Häufleins, dessen Mitglieder eigentlich sehr eingenommen von Wagners Ideen waren – auch sie wollten weg vom italienisch-französisch geprägten Operntheater hin zu einem neuen Musikdrama –, hielt Wagner eben auch für jemanden, der sich in seinen Theorien verzettelte und der zwar Großes schuf, aber auch auf großartige Art und Weise scheiterte. Cui fand Siegfried am besten, Die Walküre aber wohl so schwach, dass sie ihm nicht einmal besprechungswürdig erschien. Was hat ihn dazu gebracht? Das Element des Lyrischen. Wagner galt als kein begabter Melodiker, im Gegensatz zu Verdi. Das einzige, was dieser Art von Kritikern gefiel, waren die abgeschlossenen Nummern wie der Walkürenritt oder die kurzen symphonischen Episoden wie die Einleitung zum ersten oder zum zweiten Aufzug. Dabei wird Die Walküre heute vor allem des-halb am meisten geschätzt, weil Wagner hier ganz tief in die Psychologie einsteigt. Deshalb gilt es vielen als stärkstes Stück der Tetralogie. Weil es sich am menschlichsten gebärdet, am psychologischsten. Die Fachdisziplin Psychologie gab es damals allerdings noch nicht. Man sprach vom Psychischen. So gesehen war Wagner seiner Zeit nicht nur als Musiker, sondern auch als Dramaturg und Psychologe meilenweit voraus, finde ich.
OR Du sprichst jetzt von Wagner als Dramaturg, als Dramatiker. Wie ist es mit Wagner, dem Musiker?
VJ Lyrik kommt aus dem Griechischen, von der Lyra, der Leier. Das orphische Instrument. Das Instrument der Seele ist die Lyrik, die sich nicht mit den äußeren Belangen beschäftigt, sondern mit dem Innenleben der menschlichen Seele. Und deswegen gibt es in diesem Stück viel weniger Dialoge und bedeutend mehr Monologe, die an sich laut Oper und Drama verboten sind, und so steht es auch in Wagners Anweisungen an die Sänger in Bayreuth 1876. Es gibt kein Monologisieren, die Sänger sollen zueinander sprechen, nie zum Publikum. Aber wie soll man das bitt’schön machen, wenn Wotan dann 20 Minuten lang eigentlich einen inneren Monolog hält? Oder auch Siegmund, der Sieglinde und Hunding seine Biographie erzählt? In Wahrheit ist es aber ein Monolog.
OR Wobei Siegmund uns ja auch etwas erzählt, was wir noch nicht wissen. Wotan dagegen reflektiert das bisher Geschehene und bewertet es neu.
VJ Der erste Akt funktioniert wie eine in sich geschlossene Oper. Das ist ja wirklich ein Psychodrama. Und ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die späteren Beispiele des Melodrams der Neuzeit nach Wagner, wie etwa Puccinis Il tabarro oder Zemlinskys Florentinische Tragödie – beides Dreiecks-geschichten –, nach dem Beispiel dieses ersten Akts geschmiedet sind. Es ist die emotionale Qualität, die Die Walküre zu etwas Einzigartigem macht. Das einzig Emotionale im Rheingold ist im Grunde Alberichs letzter Monolog, in dem er den Ring verflucht. Aber da geht es um Grimm, Hass, Neid und Verzweiflung. Bei Brünnhilde ist das Spektrum ungleich breiter. Diese Emotionen sind auch mit Wotan, vor allem dem des zweiten und teilweise des dritten Aufzugs, verbunden. Aber es gibt da auch diese ekstatischen Monologe, der Sieglinde, des Sieg-mund, der Brünnhilde, und auch Duette. Was wiederum laut Wagner nicht geht. Aber er schafft es trotzdem, ein Liebes-duett zu schreiben. Das Liebesduett der beiden Geschwister mutet an wie eine Vorstufe zum zweiten Akt aus Tristan und Isolde. Das Narkotisch-Ekstatische, Erotische ist dort natürlich noch nicht ganz auf dieser kosmischen Ebene wie im Tristan ein paar Jahre später. Hier bewegt er sich immer noch entlang seiner eigenen Theorie. Aber er stützt sich anderer-seits auf die lyrische Erfahrung, die er etwa beim Fliegenden Holländer gesammelt hat. Und beim Lohengrin. Trotzdem ist das so weit von der klassischen Oper entfernt wie nur möglich. Will heißen: Die Ähnlichkeit mit der lyrischen Oper des 19. Jahrhunderts ist im Endeffekt ein Trugbild. Nur an diesen äußeren Parametern gemessen, ist das eine lyrische Oper. Ansonsten ist es ein richtiges Musikdrama. Und den entscheidenden Beweis sehe ich darin, dass die Musik voll und ganz vom Drama gelenkt wird, nie umgekehrt. Es ist nie so, dass die musikalischen Ereignisse das Drama vorantreiben, wie es oft in den italienischen Opern der Fall ist, wo zwar Musik von einer szenisch bedingten Emotion diktiert wird, doch dann beginnt die Musik ihren eigenen musikalischen Gesetzen zu gehorchen. Wagners Musik gehorcht nie den musikalischen Gesetzen.
OR Gibt es da Vorbilder, Vergleichbares?
VJ Ich würde sagen, der Wagner der Walküre ist vergleichbar mit dem Verdi des Macbeth, was ja ebenfalls ein lyrisches Psychodrama ist. Wenn man die Walküre wie eine gewöhnliche Oper aufführt, wo man einfach musikalisch arbeitet und nach der Partitur vorgeht bzw. nach dem Dirigenten gesungen wird, dann funktioniert das Stück plötzlich überhaupt nicht. Dann wirkt es wirklich wie Musik aus zweiter Hand und wie etwas Abgestandenes und Langweiliges, zutiefst Undramatisches. Dreht man aber den Spieß um und lässt die Sänger durch den Text das Drama gestalten und richtet die ganzen Tempoänderungen im Orchester nach diesem dramatischen Geschehen, dann wird es plötzlich zu einem Psychokrimi, zum Spannendsten, was je geschrieben wurde. Aber ohne diese Verbindung Bild, Text, Musik funktioniert es nicht. Die Phrasen sind entweder zu quadratisch oder sie sind unförmig, anhand der rein musikalischen Prinzipien analysiert. Aber wenn du nach dem Prinzip der Sprache gehst oder nach dem Prinzip des dramatischen Geschehens, dann haben sie genau die richtige Länge. Das Drama folgt anderen Gesetzen, nicht den Gesetzen der Symmetrie. Das ist der Grund, weshalb der Unterschied zwischen Live-Aufnahmen und Studioeinspielungen der Walküre noch größer ausfällt als sonst. Karajans Aufnahmen der Walküre sind ein besonders prägnantes Bei-spiel: Karajan wusste bei seiner Studioaufzeichnung des Rings, was er mit dem Berliner Philharmonischen Orchester für einen Schatz hat. Aber meiner Meinung nach ist er etwas zu weit gegangen in seinem Experiment und hat das, was vor allem für Wagner selbst das Wesentliche war, die Idee des Musiktheaters, ich will nicht sagen: verraten. Aber er hat sie weit hinter sich gelassen.
OR Verdi sprach ja immer von einer tinta musicale. Gibt es so spezielle Farben, so einen Grundton auch in der Walküre?
VJ Er setzt definitiv den Ton fort, der im Rheingold begonnen wurde, mit den tiefen Streichern, die quasi das Herz des Orchesters sind. Und alle Rezitative im ersten Akt werden betont mittig und tief, also von den Bratschen und Celli getragen. Aber bei allen lyrischen und dramatischen Ausbrüchen sind die Geigen sofort zur Stelle. Dann entwickelt er sein bereits im Rheingold vorhandenes unwahrscheinliches Können, was das Schreiben für die Hörner betrifft, noch weiter. Und es sind mit die schönsten Hornstellen im ganzen Ring, die als Hornsatz in der Walküre zu finden sind. Und natürlich auch die Wagner-Tuben. Interessant ist, wie gezielt und sparsam er sie benutzt. Die acht Hörner etwa kommen im ganzen ersten Akt nicht in ihrer Gesamtheit vor. Es sind immer nur vier Hörner oder vier Tuben. Im zweiten steigert sich das dann. Und im dritten Akt wendet sich Wagner irgendwann von den Tuben ab und geht wie am Anfang des Rheingold nur zum glühenden Klang der acht Hörner über. Im Rheingold schafft Wagner einerseits die höchsten Höhen, anderseits die tiefsten Tiefen: Walhalla, Nibelheim, der Rhein. Die drei Dimensionen Luft, Erde und dazwischen Wasser. Die lotet er komplett aus. Insofern kann man das Rheingold nicht mehr übertreffen. Man kann aber in eine andere Richtung gehen. Und genau das passiert hier im Drama. Er geht in Richtung Menschen, und das Orchester der Walküre ist mit Ausnahme des Vorspiels, das einen Sturm darstellt, des Feuerzaubers, der eine feurige Lohe darstellt, und vielleicht noch des Walküren-ritts, der quasi die Sicht auf die Erde aus der Perspektive eines fliegenden Pferdes darstellt, vollkommen dem inneren Leben des Menschen gewidmet. Und das ist für mich das Eigentliche, Einzigartige an diesem Stück. Hier geht es um Menschen. Hier geht es um menschliche Gefühle. Hier geht es um menschliche Dramen und Tragödien. Wagner zeigt, dass all dies mit demselben Orchester nachzuzeichnen ist. Das Orchester ist zum Seismografen der menschlichen Gefühle geworden. Ein frappierendes Beispiel ist dieser Ausbruch von Orchesterhysterie, als Sieglinde durch Brünnhilde erfährt, was es mit ihrer Schwangerschaft auf sich hat. Das ist so virtuos geschrieben und kommt so unerwartet. Es ist nur im Affektzustand zu spielen. Es ist ja auch bezeichnend, dass Wagner an manchen Stellen so virtuos schreibt, dass es eigentlich unspielbar ist. Aber er will eben, dass die Leute über ihren Schatten springen. Er erwartet nicht, dass man das wirklich mit derselben Virtuosität spielt, mit der sein späterer Schwiegervater Franz Liszt Klavier spielen konnte. Aber es geht schon in diese Richtung. Und wenn wir schon von Liszt sprechen: Ich merke in der Walküre noch mehr als im Rheingold den Einfluss von Liszt.
OR An welchen Stellen zum Beispiel?
VJ Die ganzen Orchester-Vor- und Zwischenspiele sind durch Liszts Klavier- und Orchesterwerke beeinflusst, da ist Faust-Symphonie drin, die h-Moll-Sonate. Da hört man die Années de pèlerinage, den Mephisto-Walzer. Nur schrieb Wagner mit noch größerem Wissen um die Möglichkeiten der Instrumente. Aber die wichtigen Impulse hatte Liszt schon vorher gesetzt. Ich werde nie vergessen, als ich 2019 die Walküre in London mit dem London Philharmonic Orchestra dirigiert habe. Das sind ja unglaublich versierte Musiker. Aber als wir in der ersten Leseprobe eben zu jener Stelle kamen, in der Brünnhilde Sieglinde über die Bedeutung ihrer Schwangerschaft aufklärt, weiteten sich die Augen der Streicher, als ich ihnen vordirigiert und wohl auch vorgesungen habe, in welchem Tempo das eigentlich zu gehen hat. Im Endeffekt haben sie es wunderbar gespielt. Aber man muss erst mal die Idee begreifen, damit man das spielen kann. Darin sind sich Wagner und Liszt ähnlich, oder auch Berlioz. Sie treiben eben die Musiker ihrer Zeit voran. Wagner hat einmal sinngemäß gesagt: „Ich weiß natürlich, dass das nicht spielbar ist, aber ich brauche eben diese Temperatur, die erzeugt wird, wenn Sie versuchen, das Unspielbare zu spielen.“
OR Was ja heißt: Perfektion ist eigentlich nichts, was wir anstreben sollten oder müssen, sondern es gibt etwas, das darüber hinausgeht.
VJ Und da denke ich, dass uns das heutige sehr gesteigerte orchestrale und auch anderweitige Können fehlgeleitet haben, obwohl wir denken, uns den Wunschvorstellungen der verschiedensten Komponisten immer mehr anzunähern. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir uns von den Komponisten noch weiter entfernen. Natürlich wäre Wagner erstaunt gewesen, hätte er die besten unserer heutigen Symphonieorchester gehört. Aber was ihm vorschwebte, war vor allem die emotionale Wirkung, nicht diese Brillanz, die er sich gar nicht hätte vorstellen können. Es ist auch nicht anders bei Robert Schumann. Schumann, der Klavierkomponist, wohlgemerkt, nicht der Sinfoniker. Er konnte selber seine Stücke nicht auf dem Niveau spielen, das ihm vorschwebte. Aber ich glaube, das wirklich Faszinierende an Schumann als Komponist war sein Idealismus, dass er sich Dinge vorstellte, die es in der Natur so nicht gibt. Wagner hielt Schumann wohl nicht für einen wirklich guten Komponisten. Aber er hat sehr viel von ihm gelernt – oder geklaut. Genauso wie er auch von Rossini, von Meyerbeer und Mendelssohn sehr viel entliehen hat. Das Wichtigste, was er sich von Schumann nahm, war diese ideale, unerreichbare Wunschvorstellung, die die Künstler beim Streben danach über sich hinauswachsen lässt. Und das ist das, was uns hier in der Walküre erwartet. Und außerdem ist es auch ziemlich erstaunlich, welch unterschiedliche Klangwelten Wagner gleichzeitig für die verschiedenen Figuren schafft. Zum einen die Siegmund-Sieglinde-Hunding-Welt, die wiederum aus zwei verschiedenen Welten besteht. Dann die Welt von Wotan und Fricka, die wir schon aus dem Rheingold ein bisschen kennen, die hier aber viel weiter geführt wird. Fricka wird hier zu einer richtigen Protagonistin, nicht bloß zu einer Randerscheinung. Dann die Welt von Vater und Tochter, Brünnhilde und Wotan als ein Paar genommen. Dazu kommt noch die eigene Entwicklung Brünnhildes, die hier ihren Anfang nimmt. Hier ist Brünnhilde erst ein Teil dieser Neuner-Frauenbrigade, dann eine Lieblingstochter und schließlich eine verstoßene Tochter. Und ich muss auch sagen, da bin ich mit Herrn Cui nicht einverstanden, dass es doch einen melodischen Reichtum gibt an kleinen Melodien, sie sind nie ausladend wie bei Tschaikowski oder Verdi, aber es gibt diese kleinen, eben doch unsterblichen Melodien, zum Beispiel die Todesverkündigung zwischen Brünnhilde und Siegmund, die Klage der Brünnhilde im dritten Akt und natürlich auch Wotans Abschied.
OR Wenn du sagst, es geht eigentlich immer um das Menschliche, dann würde das ja im Umkehrschluss bedeuten, dass auch Wotan menschlich ist oder menschliche Emotionen hat.
VJ Das sagt ja auch Wagner selbst, in dem Brief an August Röckel, als er Wotan als Mensch wie du und ich schildert, mit den-selben Problemen wie wir beladen. Sein Ehestreit mit Fricka lässt einen sofort an Wagners eigene unglückliche Ehe mit Minna denken. Gleichzeitig ist Wagner aber so grandios als Musikerdramatiker, dass er Fricka auch ein Existenzrecht ein-räumt – auch wenn er mit ihr offensichtlich nicht sympathisiert. Aber er macht sie zu einer sehr glaubhaften und integren, ganzheitlichen Figur. Sie ist keine Parodie einer zankenden Ehefrau. Und vor allem hat sie recht. Das ist bitter für Wotan. Er muss einsehen, dass er sich massivst verrechnet hat.
OR Ich würde es sogar umdrehen: Selbst ein Gott muss sich der Umsetzbarkeit seiner Gesetze fügen.
VJ Wotan ist der Liebe durchaus fähig. Aber er kann sie sich nicht erlauben. Das heißt, in ihm ist noch ein Fremdwille, und das ist dieses Introjekt. Solange er dieses Introjekt ausblenden kann, ist er mit sich im Frieden. Ansonsten kommt es zur Konfrontation mit sich selber. Und da es gibt es keine Erlösung. Also, es ist nicht, dass die Tochter ihm nicht gehorcht hat, nicht das bringt ihn auf die Palme. Sondern seine eigene Unfähigkeit. Deswegen kann er dann nur das eine wünschen, nämlich das Ende.
OR Das finde ich einen sehr spannenden Gedanken, denn der christliche Gott agiert ja ähnlich in dem Sinne, dass über allem die Liebe zum Menschen steht. Und was dem widerspricht, das kann er nicht machen. Auch er ist sozusagen gefangen. Und dieser Widerspruch ist einfach nicht aufzulösen.
VJ Und er handelt tatsächlich wie der biblische Gott, der Adam und Eva aus dem Paradies verstößt, sie aber gleichzeitig so liebt, dass er irgendwann seinen anderen Sohn schickt, um die Welt zu erlösen … Brünnhilde hat man auch als eine Art weiblicher Jesus gelesen. Der Held, der Befreier, nach dem Wotan so händeringend gesucht hatte, war ständig in seiner Nähe gewesen: seine Tochter. Das ist Wotans Dilemma. Er denkt nicht weit genug. Wie so Schachspieler, die nur einen Zug vorausdenken. Es ist erstaunlich, dass ein Gott so kurzsichtig sein konnte. Wagner dagegen, als Mensch durchaus konservativ und definitiv kein Feminist, zeigte er sich in dieser Hinsicht so genial weitsichtig wie ein Shakespeare oder ein Sophokles. Nicht als Mensch, sondern als Schöpfer. Und wir ernten die Früchte all dessen – erst in der Götterdämmerung natürlich. Aber in der Walküre wird das so reich gesät, dass die Walküre tatsächlich als ein Drama, als ein „Standalone“-Drama überleben konnte. Ich habe zum Beispiel meine erste Walküre im Alter von 17, 18 Jahren damals in Moskau erlebt im Rahmen eines Walküre-Gastspiels des Belgrader Theaters am Bolschoi-Theater.
OR Welche Interpret:innen waren das?
VJ Ich weiß nur, wer Wotan gesungen hat, wir haben später an der Komischen Oper in den 90-er Jahren sehr viel zusammen gemacht. Er ist leider schon verstorben: Neven Belamarić. Sein Wotan war schon sehr beeindruckend. Ich denke dabei auch an diese sehr bizarre Walküre in Moskau 1939, als von Ribbentrop Moskau besuchte, um den berühmten Molotow-Ribbentrop-Pakt zu signieren. Und Sergej Eisenstein wurde beauftragt, im Bolschoi eine Walküre zu inszenieren. Es gibt Fotos davon. Jedenfalls bietet die Walküre genügend Zünd-stoff für ein „Standalone“-Drama. Die anderen brauchen alle eine Vorgeschichte oder einen Epilog. Die Walküre dagegen kann auch alleine überleben.
OR Merkt man, dass dieses Orchester die Walküre in seiner DNA hat?
VJ Bis jetzt habe ich ja nur das Rheingold zur Gänze mit den Musikern des Bayerischen Staatsorchesters erarbeitet, kann es also noch nicht abschließend beurteilen. Aber wenn man sich so die Aufnahmen aus der jüngeren Vergangenheit anhört, lässt das schon darauf schließen. Wobei man sagen muss, es gibt ja mindestens zwei Traditionen, nämlich die Münchner und die Bayreuther. Und die unterscheiden sich sehr.
OR Wodurch?
VJ Vor allem durch die Akustik der beiden Räumlichkeiten, und in Bayreuth durch die Beschaffenheit des Zuschauerraums und des Orchesterraums. Das Orchester ist teilweise sogar gezwungen, immer voll auszuspielen. Als ich vor kurzem mit dem RSB in Berlin den ersten Walküre-Akt konzertant auf-führte, hörte ich sofort heraus, welche Musiker regelmäßig in Bayreuth spielen, und zwar sowohl Streicher als auch Bläser. Sie spielen viel offensiver. Dieses offensive Spiel ist in München schlicht unmöglich, da der Orchestergraben offen und relativ hoch ist. Hier herrscht auch eine ganz andere Ästhetik, was den Bläserklang anbetrifft. Der ist viel weniger direkt, viel weniger spitz, runder, wärmer. Das ist keine Bewertung. Es sind einfach unterschiedliche Klangparameter. Der Dirigent muss diesen Klang wirklich als sein Baumaterial annehmen und dann damit das jeweilige Gebäude konstruieren. So hat es Karajan einmal beschrieben. Das Orchester ist wie das Material, das Baumaterial eines Architekten oder eines Bildhauers: Erz, Holz oder Stein. Oder Marmor. Das Material ist noch nicht die Statue selbst, die man damit produziert.
OR Wie erreicht man das?
VJ Es ist alles schon da. Man muss sich nur mit der Quelle verbinden. Und das Orchester von Wagner ist wie so eine Akasha-Chronik. Oder eben das „Upside down“ wie in der Serie Stranger Things, die andere Welt, der „golfo mistico“, wie man in Italien den Orchestergraben bezeichnet. Wo man die nicht alltägliche Wahrheit über die alltäglichen Objekte erfährt. Alles, was passiert, hat noch eine andere, eine dritte oder vierte Dimension. Und die kann man schwer zeigen, aber man kann sie durchaus hören, und sie kann Kommentare abgeben zu dem, was passiert. Sie kann auch Prophezeiungen abge-ben oder unterschiedliche Bewertungen. Ich habe mein Schwert gefunden, sagt etwa Siegmund. Das Orchester aber sagt: Da wird auf die Liebe verzichtet. Ein Liebesverzicht-Motiv erklingt, bevor er das Schwert aus der Esche zieht. Siegmund spricht von Liebesnot und von der Not, in der er sein Schwert finden soll, wie ihm sein Vater verheißen hat. Aber dass er das Schwert findet, bedeutet ein Todesurteil für ihn, und der Vater, indem er ihm dieses Schwert überlässt, verzichtet auf seinen Sohn. Er bringt ihn als Opfer. Ja, da kommen wir wieder zu unserer biblischen Geschichte. Der liebende Gottvater schickt seinen geliebten, liebenden Sohn in die Welt, um ihn ans Kreuz zu schlagen oder ihn ans Kreuz schlagen zu lassen. Wotan bringt Siegmund ja nicht selber um. Er liefert ihn Hunding aus.
OR Bei der Uraufführung der Walküre hier im Nationaltheater gab es noch keine Wagnersänger im heutigen Sinne. Teil-weise haben die Interpreten sehr lyrische Partien gesungen, der erste Siegmund trat auch als Evangelist auf.
VJ Wir sind heute gezwungen, Wagner mit kräftigeren Stimmen zu besetzen. Vor allem, weil die Orchester so viel lauter geworden sind. Das heißt, es wäre denkbar, Wagner mit leichteren Stimmen zu besetzen, in einer entsprechend sängerfreundlicheren Akustik und mit alten Instrumenten oder mit Nach-bauten alter Instrumente. Ich würde sagen, Wagner schrieb für nicht existente Stimmen. Aber er hat dadurch eine ganze Tradition geschaffen. Und die großartigsten Wagnersänger kamen erst lange nach seinem Tod. Wagner war auch in dieser Hinsicht ein Visionär.