Die Bayerische Staatsoper trauert um Edita Gruberová

Von 1974 bis 2019 prägte sie das musikalische Leben der Oper in München. Nur zwei Jahre nach ihrer feierlichen Verabschiedung, trauert die Bayerische Staatsoper nun um Frau Gruberová.
Erinnerungen an die enge Bindung zwischen dem Haus und der bayerischen Kammersängerin, die an 308 Vorstellungen in München beteiligt war.

Eine der wahrhaft Großen ist von uns gegangen: Am gestrigen Montag ist die slowakische Sopranistin Edita Gruberová im Alter von 74 Jahren gestorben. Die Bayerische Staatsoper ist tief erschüttert, von dieser Künstlerin, die der Bayerischen Staatsoper über viereinhalb Jahrzehnte so eng verbunden war, Abschied nehmen zu müssen.
 
„Mit großer Trauer haben wir an der Bayerischen Staatsoper vom Tod der unvergleichlichen Edita Gruberová erfahren. Hier am Haus hatten wir das Privileg, ihre großen Rollen und ihre Erfolge mitzuerleben und zu feiern. Ein schmerzlicher Verlust für uns alle, ein schmerzlicher Verlust für die Kunst!", sagte Staatsintendant Serge Dorny, als ihn die Mitteilung vom Tod der Sopranistin erreichte.
 
Edita Gruberová sang seit dem 23. November 1974, als sie hier in der Partie der Königin der Nacht debütierte, 308 Vorstellungen im Nationaltheater – bis sie sich am 27. März 2019 mit einer letzten Vorstellung als Königin Elisabetta in Donizettis Roberto Devereux vom Münchner Publikum verabschiedete und damit ihre Opernkarriere beendete. In diesen beinahe 45 Jahren verkörperte sie an der Bayerischen Staatsoper 33 Mal Lucia di Lammermoor, 37 Mal Anna Bolena, je 28 Mal Lucrezia Borgia und Norma und nicht weniger als 54 Mal die Elisabetta: eine Bilanz, die schon in Zahlen unvergleichlich ist. „Bis zum heutigen Tag“, resümierte sie im Jahr 2015, „ist die Bayerische Staatsoper eine Heimat.“ Mit verschiedenen Auszeichnungen dankte man ihr diese Treue, darunter der Bayerische Verdienstorden, die von den Freunden des Nationaltheaters e. V. gestiftete Meistersinger-Medaille und die Ernennung zur Bayerischen Kammersängerin.
 
Ihre Karriere hatte mit Koloraturpartien wie die Königin der Nacht und Zerbinetta in Ariadne auf Naxos begonnen. Mit ihrer Stimme, die Spitzentöne in stratosphärischen Lagen ansatzlos wie aus dem Nichts aufscheinen lassen konnte, prägte die Koloratursopraninistin durch ihre vokale Virtuosität, Farbenreichtum und der charakterlichen Vielfalt ihres Gesangs sowie einer entwaffnenden Schönheit des Stimmklangs, das künstlerische Schaffen der Bayerischen Staatsoper nachhaltig. Eine große Zahl maßstäblicher Einspielungen bewahrt ihre Gesangskunst für die Nachwelt.
 
Eine weitere wesentliche und noch lange nachwirkende Leistung war ihr Einsatz für den Belcanto. Nicht nur die berühmten Opern von Rossini, Bellini und Donizetti bis Verdi hatte sie in ihrem Repertoire, sondern setzte sich auch für die Wiederentdeckung vieler Werke ein, die von vielen Opernhäusern verschmäht wurden und nur noch in Archiven schlummerten. Mit ihrer Kunst erweckte sie diese Kostbarkeiten wieder zum Leben, wie bei den Münchner Inszenierungen von Lucrezia Borgia und Roberto Devereux .
 
Am 3. Juli 2018 feierte sie an der Bayerischen Staatsoper ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum. Die damals schon geplante Vorstellungsserie von Roberto Devereux im März des folgenden Jahres erklärte sie dann kurzerhand zu ihrem Bühnenabschied. 58 Minuten Schlussapplaus wurden nach dieser Aufführung gemessen, rote Rosenblüten regneten auf die Sängerin hinab, und der Intendant Nikolaus Bachler konnte sich kaum Gehör verschaffen für seine Ansprache. Die Sängerin selbst kommentierte knapp: „Es war wunderbar, und es war genug.“
 
Auch ohne Oper hatte sie noch viel vor, musste jedoch wegen der Corona-Pandemie auf die letzten geplanten Konzerte verzichten und öffentliche Auftritte blieben aus.
Nun ist ihr Leben, viel zu früh, zu Ende gegangen. Die Bayerische Staatsoper verneigt sich vor der wunderbaren, einzigartigen, göttlichen Edita Gruberová und wird ihre Kunst ewig verehren.

BIOGRAPHIE
Edita Gruberová wurde in Bratislava geboren, debütierte 1968 am Opernhaus ihrer Heimatstadt als Rosina (Il barbiere di Siviglia) und setzte ihre Studien bei Ruthild Boesch in Wien fort. Im Februar 1970 trat sie erstmals als Königin der Nacht (Die Zauberflöte) an der Wiener Staatsoper auf, wo ihr 1976 in einer Neuproduktion von Ariadne auf Naxos unter Karl Böhm als Zerbinetta der internationale Durchbruch gelang. Es folgten Partien wie Konstanze (Die Entführung aus dem Serail), Donna Anna (Don Giovanni), die Titelpartie in Lucia di Lammermoor, Violetta (La traviata) und Gilda (Rigoletto), mit denen sie international gefeiert wurde. Anfang der 1990er Jahre wandte sie sich dem Belcanto zu, etwa mit den Titelpartien in Bellinis Beatrice di Tenda, La Straniera, Norma und mit Elvira (I Puritani) ebenso wie mit den Titelpartien in Donizettis Anna Bolena und Lucrezia Borgia sowie als Elisabetta (Roberto Devereux). Sie sang an allen führenden Opernhäusern der Welt, etwa in Berlin, Zürich, London, New York, Mailand und Paris sowie bei den Festspielen von Bregenz, Salzburg und Baden-Baden. Einen Höhepunkt ihrer Karriere feierte sie im Oktober 1989 mit ihrem Auftritt in La traviata unter der Leitung von Carlos Kleiber und in der Regie von Franco Zeffirelli an der New Yorker Metropolitan Opera. Sie war Bayerische und Österreichische Kammersängerin und erhielt – neben zahlreichen Auszeichnungen wie dem Bayerischen Verdienstorden, der Meistersinger-Medaille und dem „Bellini d’oro“ für hervorragende Gesangsleistungen – 2014 den Österreichischen Musiktheaterpreis „Goldener Schikaneder“ für ihr Lebenswerk. In der Spielzeit 2017/18 feierte sie ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum und war an der Bayerischen Staatsoper u. a. mit der Titelpartie in Lucrezia Borgia und mit einem Festspiel-Galakonzert zu erleben. Mit einer Vorstellungsserie von Roberto Devereux nahm sie hier im März 2019 als Elisabetta ihren Abschied von der Opernbühne. Am 18. Oktober 2021 starb Edita Gruberovà in Zürich.

München, Oktober 2021