#3 WirSindBSO

mit Claudia Küster (Leitung des Betriebsbüros) und Klaus Müller (Stellv. Technischer Direktor)

CK Claudia Küster 
KM Klaus Müller 

KM Claudia, seit wann bist Du hier am Haus?

CK Seit 41 Jahren, weil ich mit der Kinderstatisterie und Kinderballett angefangen habe. In meiner jetzigen Abteilung, dem KBB, bin ich seit 23 Jahren.
Bin ich länger im Haus als Du?

KM Wenn Du die Kinderstatisterie mit dazu nimmst, dann ja. Ich bin seit 1988, mit einer kleinen Unterbrechung, hier am Haus.

CK Wir sind quasi die Urgesteine hier und inventarisiert.

KM Ja, wir sind so ziemlich die letzten unter denen, die seit der langen Zeit noch am Haus sind.

Was sind Eure täglichen Aufgaben?

KM Ich sehe Dich entweder immer ganz schnell über irgendeinen Gang huschen oder hinter Deinem Schreibtisch in den Rechner schauen.

CK Und ich habe immer mindestens ein zwei Telefone dabei.

KM Das stimmt.

CK Oder drei.

KM Du bist manchmal auch schwer zu erreichen, besonders mittags.

CK Das stimmt, aber ich mache schließlich auch den Probenplan für rund 1.000 Mitarbeiter hier am Haus. Das heißt, ich habe von 9.00 Uhr bis 14.00 Hochzeit. Ich sammle alle Informationen darüber, in welchen Probenräumen und Musikzimmern hier am Haus Aktivitäten, Coachings, szenische oder musikalische Proben stattfinden.

KM Das ist auch ein Teil meiner Aufgaben. Ich setze das um, was Du in den Probenplan schreibst.

CK Oftmals habe ich viele Fragen. Deswegen geht einer der Telefonanrufe, die ich täglich mache, mit Sicherheit an Deine Nummer, um nachzufragen, welche Aktivitäten wann auf der Bühne stattfinden. Häufig frage ich auch nach, wer den technischen Vorstellungsdienst hat oder welche Details für technische Proben, Beleuchtungsproben oder Bühnenproben benötigt werden.

KM In meiner Position als Leiter der Bühnentechnik bin ich zuständig für die tägliche Arbeit auf der Bühne und bin ich für die Planung auf der Bühne verantwortlich, also wann wird etwas aufgebaut oder abgebaut. Außerdem bin ich Teil der Spielplanerstellung und überlege, ob bestimme Bühnenkonstellationen realisierbar sind. Wir haben nämlich gewisse Parameter, wo Bühnenbilder aufgebaut werden und da muss man abwiegen, ob die Auf- und Abbauzeit funktioniert, da die Bühne auch manchmal voll belegt ist.

CK Man kann eigentlich sagen, dass das was Du langfristig planst, ich in der täglichen kurzfristigen Planung auf den Prüfstand stelle. Also es erweist sich, dass das was langfristig geplant ist, in der kurzfristigen Umsetzung funktionieren muss, damit wir uns nicht täglich bei irgendwelchen Aktivitäten selbst blockieren.

KM Das schwierige bei der Kunst ist, dass wenn wir hier eine Neuinszenierung haben, immer noch viele Kleinigkeiten dazukommen und wir dann häufig über dem normalen Parameter von zwei Bühnenwägen sind. Der festgelegte Parameter hat die Größe 12 auf 20 Meter. Die Dekoration darf dann im auf- und abgebauten Zustand eigentlich nur so groß sein.

CK Das sind auch die Unwägbarkeiten, die man in der langfristigen Planung noch gar nicht kennen oder wissen kann und die dann im Endeffekt genau das sind, was wir in der Umsetzung von Tag zu Tag schaffen, berücksichtigen und bewältigen müssen. Wir müssen aber auch in der langfristigen Planung schauen, dass ein bisschen Flexibilität erhalten bleibt, um dann im Bedarfsfall noch kurzfristig reagieren zu können. Manchmal haben wir eine Probe auf 10.00 Uhr angesetzt, aber dann müssen wir mit deiner Hilfe kurzfristig auf 11.00 Uhr gehen, damit dann alles rechtzeitig fertig ist, was der Bühnenbildner und Regisseur auf der Bühne haben möchten.

KM Wir sind hier ein großer Tanker, der auch verhältnismäßig schwerfällig ist, da so viele verschiedene Abteilungen an einem Werk arbeiten. All das unter einen Hut zu bekommen ist langfristig nicht planbar. Deswegen haben wir auch öfter Verschiebungen, da wir nicht rechtzeitig fertig werden. Das kann daran liegen, dass ein Werk am Vorabend länger gedauert hat oder der Abbau länger dauert. Auch wenn ein Regisseur am nächsten Morgen die Originaldekoration auf der Bühne braucht kann es zu Verzögerungen kommen. Der Tag hat auch nur 24 Stunden und auch wir schaffen es nicht den Tag auf 36 Stunden auszudehnen, auch wenn wir das öfter müssten.

CK Aber, wenn es um einen Tanker geht, haben wir beide unser Logbuch dabei, in dem alle Details eingetragen werden und dann alle detaillierten Informationen zielgerichtet an die einzelnen Abteilungen, die an einer Probe oder Vorstellung beteiligt sind, weitergereicht werden. Damit weiß jeder genau wie und wo er sein sollte.

KM Wenn alles perfekt klappt, gehen unsere Planungen hoffentlich genau auf.

Was macht Euch beiden besonders Spaß an der Arbeit?

CK Besonders Spaß macht die Zusammenarbeit mit vielen netten Kollegen und Kolleginnen, denn nur, wenn wir uns im Kollegenkreis gut verstehen und uns miteinander austauschen können funktioniert dieses System Tanker. Dabei unterstützt eine Hand die andere und man eilt einander zur Hilfe, damit man nicht kentert oder scheitert. Das ist besonders wichtig.
Oder auch an jedem Tag mit Dingen zu tun zu haben, mit denen man nicht gerechnet hat, aber die eigentlich immer etwas Schönes sind. Wir haben ja hier einen Arbeitsplatz an dem wir mit guten und schönen Dingen zu tun haben und das ist eine Bereicherung und ein großes Geschenk.

KM Da muss ich der Claudia zustimmen. Es ist ein freudiger Arbeitsplatz und man ärgert sich zwar sehr oft am Tag, aber wenn dann wegen einer Sache und nicht wegen irgendwelchen Leuten.
Es geht rein um das Produkt und wenn dann etwas nicht richtig funktioniert, ist man ärgerlich. Man hat einen gewissen Anspruch und wir planen etwas und dann kommt etwas dazwischen, was dann keinen Spaß macht. Aber im Grunde ist es ein wunderbarer Arbeitsplatz. Und man muss fürs Theater geboren sein, sonst hält man das nicht aus.

CK Es ist eine große Liebe und Leidenschaft und es ist schön, dass man diese täglich leben darf.

Was ist Euer liebster Platz im Haus?

CK Ich würde mal behaupten das ist für uns beide die Bühne, weil es das Zentrum des Universums ist, so wie Shakespeare sagen würde, „Die Bretter, die die Welt bedeuten“.
Aber das ist der schönste Platz, vor allem am Nachmittag, vielleicht in der Technikpause, wenn das Bühnenbild halb aufgebaut ist und der Zuschauerraum hell erleuchtet und leer ist und das, was Abend 2100 Menschen genießen können für einen ganz kurzen Augenblick für sich alleine hat. Das ist schon ein Exklusivrecht, was etwas ganz Besonderes und ein Geschenk ist.

KM Im Lauf der Jahre lernt man so viele Opern kennen und wenn ich ehrlich bin, konnte ich bevor ich an der Bayerischen Staatsoper begonnen habe nicht viel mit klassischer Musik anfangen, aber im Laufe der Jahre lernt man es lieben und durch meine verschiedenen Aktivitäten in verschiedenen Opernhäusern ist Richard Wagner ganz schwer zu meinem Favoriten geworden. Ich liebe Wagner und wir hier am Haus hatten eine ganz tolle Ringinszenierung in den 80er Jahren, Ring of Wonder, was eines meiner Lieblingsstücke hier an der Bayerischen Staatsoper ist, wie auch auch Cardillac.
Das sind meine Highlights.

Was sind außer den eben schon genannten Stücken Eure Lieblingsopern?

CK Das ist quasi der einzige Punkt, in dem wir unterschiedlicher Meinung sind, aber auch sehr bemüht sind, uns gegenseitig an die jeweils andere Materie heranzuführen. Ich liebe Barockopern und bin sozusagen der Händeliander, nicht der Wagnerianer.
Wir haben aber auch schon versucht, uns gegenseitig in Händel Werke, oder Wagner Stücke mitzunehmen, aber Gegensätze ziehen sich ja an.
Bei den Festspielen freut er sich auf Tristan und Lohengrin und ich freue mich auf Semele und Dido.

KM Genau da hat jeder etwas.

CK Auch da haben wir gut geplant.

Gibt es einen Tag, der Euch besonders in Erinnerung geblieben ist?

KM Ja, mein erster Arbeitstag an der Bayerischen Staatsoper. Da habe ich gesagt, ich bleibe keine Woche am Theater, weil du zuerst 20 motivierte Techniker hast und dann kommt ein Container mit Einzelteilen rein und plötzlich entsteht völliges Chaos. Irgendwie aber ein geordnetes Chaos.
Aber wenn du nicht vom Theater kommst, dann kennst du das nicht und denkst dir nur, was passiert hier. Und das war mein erster Arbeitstag, der mir so in Erinnerung geblieben ist und ich dachte, das halte ich nicht aus. Und jetzt sind es doch ununterbrochen 35 Jahre Theater.

CK Ganz ehrlich, ich werde ja nie die Holländer Premiere vergessen. Er spricht gerade so schön von den Technikkollegen, ohne die wir ja hier gar nicht auskämen, die aber natürlich auch im Streikfall, oft auch trotz Streik so viel Unterstützung bieten, dass eine Vorstellung nicht abgesagt werden, sondern stattfinden kann. In dem Fall springen dann all jene, die NV-Bühnen- oder Soloverträge haben, so wie ich, in die Bresche und übernehmen Aufgaben im Backstage Bereich, im technischen Bereich oder im Kostümbereich, die man als Laie übernehmen kann, ohne in irgendeiner Form Abläufe zu gefährden.
Und damals hatten wir hier am Haus Holländer Premiere während dem Streik, und die Frau von Klaus Müller, die auch hier arbeitet und ich standen unter seiner Ägide und mussten bei einem sehr schwierigen technischen Umbau schnell nach seinen Anweisungen handeln. Ich kann sagen, es ist uns gelungen, denn wir hatten einen guten Chef. Wir beide, Sabi und ich, erinnern uns noch sehr gerne und oft gemeinsam daran.

KM Das stimmt. Es war ein besonderes Erlebnis in der Streikphase eine Premiere zu machen. Es war zwar nicht toll für die Kollegen, dass man das trotz Streik gemacht hat, da man ihnen damit eigentlich an den Karen fährt damit, aber es war trotzdem eine Herausforderung, mit vielen Kollegen aus anderen Abteilungen auf der Bühne mal schnell Verwandlung zu machen, in der ein komplettes Bühnenbild gewechselt wird. Es war eine Herausforderung.

CK Wir hatten die bestmögliche Anleitung, das muss man schon sagen. Aber das war ein ganz spezieller Moment, und ich glaube auch, das ist ein bisschen typisch für das Münchner Publikum, die in diesen Situationen sehr verständnisvoll und kulant reagieren, aber auch sehr schätzen, wie sehr man sich einsetzt, damit eine Vorstellung gut über die Bühne gehen und gelingen kann.

KM Und es hat hervorragend funktioniert.

Das Gespräch führte Anna Weigelt, Praktikantin im Pressebüro.

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