Edward Clug
Als er sich 1983 an der Nationalen Ballettschule in Cluj-Napoca (Rumänien) einschrieb, sah der Zehnjährige darin einen Ausweg aus der repressiven Diktatur Nicolae Ceaușescus. Nachdem er während seiner Schulzeit sehr harte Jahre durchlebt hatte, brach das kommunistische Regime 1989 zusammen. 1991 schloss Clug sein Studium ab und erhielt im September desselben Jahres sein erstes Engagement am Slowenischen Nationaltheater (SNG) in Marburg an der Drau. Seine Karriere nahm damit genau in jenem Moment ihren Lauf, als Slowenien nach dem Austritt aus dem jugoslawischen Republikenverband seine ersten Schritte als unabhängiges Land unternahm. Hier lernte er den Regisseur Tomaž Pandur kennen, mit dem er als Tänzer in dessen avantgardistischen Inszenierungen zusammenarbeitete. Pandur erkannte Clugs kreatives Potenzial und lud ihn ein, die Choreografie für das Stück Babylon zu übernehmen, das 1996 uraufgeführt wurde. Nach dieser ersten choreografischen Erfahrung schlug Clug einen neuen künstlerischen Weg ein. 1998 schuf er sein erstes eigenständiges Projekt, Tango, gemeinsam mit dem Kostümbildner Leo Kulaš und dem Bühnenbildner Marko Japelj, die seitdem fest zu seinem kreativen Team gehören. Später, anlässlich des Projekts Prêt-à-Porter im Jahr 2008, schloss sich ihnen der Komponist Milko Lazar an. Im Jahr 2003 ernannte der neue Generaldirektor des SNG, Danilo Rošker, Clug zum künstlerischen Leiter des Balletts. Im Jahr 2005 schuf er Radio and Juliet zur Musik von Radiohead, das zu einem internationalen Erfolg wurde und Clug angesichts seines nunmehr unverwechselbaren choreographischen Stils weltweit Anerkennung einbrachte.
Clugs Interpretation von Le Sacre du printemps im Jahr 2012 und der Durchbruch mit seinem ersten abendfüllenden Handlungsballett Peer Gynt im Jahr 2015 etablierten ihn als eine wichtige choreografische Stimme seiner Generation. Er begann, mit bedeutenden Ballettensembles auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten, und verhalf dem Ballettensemble von Maribor gleichzeitig erfolgreich zu internationaler Bekanntheit. Im Laufe der Jahre hat Edward Clug eine starke und dauerhafte Beziehung zum Stuttgarter Ballett aufgebaut, für das er mehrere kürzere Ballette und zuletzt eine neue Version des beliebten Klassikers Der Nussknacker choreografiert hat. Auch zum Zürcher Ballett hat er enge Verbindungen geknüpft, für das er eine Reihe von Werken schuf, darunter 2018 das abendfüllende Ballett Faust. In den letzten zehn Jahren hat Clug eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Nederlands Dans Theater (NDT) aufgebaut und mehrere Stücke sowohl für NDT 2 als auch für NDT 1 geschaffen. Er wurde zudem eingeladen, neue Werke für das Bolschoi-Ballett zu choreografieren, wo er Der Meister und Margarita, Bulgakows berühmtes „unmögliches“ Meisterwerk, inszenierte. Im Jahr 2025 schuf er Ein Sommernachtstraum für das Staatsballett Berlin, zur eigens komponierten Muik von Milko Lazar und mit sehr positivem Echo. Peer Gynt setzte seinen Siegeszug um die Welt fort und wurde im selben jahr in das Repertoire des Balletts am Teatro alla Scala in Mailand übernommen. Im Frühjahr 2026 debütierte Clug am Grand-Théâtre de Genève mit Jean-Philippe Rameaus Castor et Pollux als Opernregisseur. Die Produktion erregte Aufsehen bei der Kritik, das Opera Magazine schrieb, dass er etwas erreicht habe, „was selten erreicht wird“, und in der Tribune de Genève war zu lesen, dass die Inszenierung etwas von einem „bestaunenswerten Wunder“ an sich habe.
Für die Spielzeit 2026/27 erhielt er vom Bayerischen Staatsballett in München den Auftrag, ein neues Ballett mit dem Titel CARPATHIA – Der Mythos der Untoten zu kreieren. Mit der Rückkehr in die transsilvanische Landschaft seiner Herkunft erkundet Clug eine Welt, in der Geschichte, Mythen und das Übernatürliche seit Jahrhunderten koexistieren und einige der beständigsten Legenden Europas hervorgebracht haben.
Clugs Werke wurden vom Teatro alla Scala in Mailand, vom Bolschoi-Ballet in Moskau, vom Koninklijk Ballet van Vlanderen, vom Wiener Staatsballett, von der Companhia Nacional de Bailado in Lissabon, vom Ballett Dortmund, von den Grands Ballets Canadiens in Montréal, vom Ballett Basel, vom Tschechischen Nationalballett in Prag, von der Compagnie San Francisco Dance Works, der Compagnie Station Zuid, vom Kroatischen Nationalballett in Zagreb und Rijeka, vom Rumänischen Nationalballett in Bukarest, vom Aalto Ballett Essen, von der Compagnie Bitef in Belgrad, der Compagnie Graz Tanz, vom Ukrainischen Nationalballett in Kiew, vom Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München, vom Ballett Augsburg, dem Hessischen Staatsballett, vom West Australian Ballet in Perth, vom Queensland Ballet in Brisbane, vom Staatsballett in Nowosibirsk, vom Ballett Nürnberg, vom Alberta Ballet in Calgary, vom Armenischen Nationalballett und vom Griechischen Nationalballett gezeigt.
Edward Clug erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen und wurde 2010 für das Projekt Quattro für den russischen Preis „Goldene Maske“ nominiert. Er wurde mit den höchsten kulturellen Auszeichnungen Sloweniens geehrt: dem Preis der Prešeren-Stiftung im Jahr 2005 und der Glazer-Urkunde der Stadt Marburg an der Drau im Jahr 2008. Im Jahr 2017 wurde er für Handman (NDT 2) für den Prix Benois de la Danse nominiert und 2019 für Patterns in ¾ (Stuttgarter Ballett) für den deutschen Theaterpreis „Der Faust“. Seit der Spielzeit 2025/26 ist Edward Clug Artist-in-Residence beim Ballett Dortmund unter der neuen künstlerischen Leitung von Dr. Jaš Otrin.
Im Jahr 2022 wurde Clug für seinen Beitrag zur Kultur mit dem Silbernen Verdienstorden der Republik Slowenien und mit der Medaille für kulturelle Verdienste der Republik Rumänien ausgezeichnet.
(Stand: Oktober 2026)