Editorial: Mythos Spitzenschuh

Er ist vermutlich der Ballerina liebstes Accessoire: der Spitzenschuh. Feminin, geheimnisvoll, manchmal schmerzbehaftet. Annette Baumann und Serge Honegger haben sich mit Spitzenschuhverwalterin Séverine Ferrolier über dieses Wahrzeichen des klassischen Balletts unterhalten.

 

Séverine, du hast wohl einen der ungewöhnlichsten Berufe, die es gibt: Du bist Spitzenschuhverwalterin. Die wenigsten Menschen können sich darunter etwas vorstellen. Was genau ist deine Aufgabe?

Als Spitzenschuhverwalterin kümmere mich um die gesamte Organisation der Schuhe, von der Beratung, über Einkauf bis zur Budgetkontrolle. Ich bestelle die Spitzenschuhe bei den verschiedenen Herstellern und ich berate die Tänzerinnen, wenn sie Fragen haben, unsicher sind oder Schmerzen auftreten. Ich kann hier viel von meiner eigenen jahrelangen Erfahrung als Tänzerin weitergeben. Das ist etwas sehr Persönliches. Die Männer bekommen natürlich keine Spitzenschuhe, sondern Schläppchen.

 

Du hast von verschiedenen Herstellern gesprochen. Gibt es da eine spezielle „Spitzenschuhwirtschaft“? Wie unterscheiden sich denn die Schuhe voneinander?

Es gibt in der Tat ganz unterschiedliche Schuhe, je nachdem, in welchem Land sie hergestellt werden. Es gibt Marken aus England, aus Russland, aus den USA, aus Frankreich, manche sind weicher, manche härter. In Amerika werden zum Beispiel spezielle Spitzenschuhe produziert, die viel länger halten als herkömmliche Modelle. Die sind dann aus einem anderen Material, man kann sie sogar in der Waschmaschine waschen.

 

Für Menschen, die noch nie einen Spitzenschuh angehabt haben, und das sind ja die allermeisten: Wie fühlt sich so ein Schuh an, wenn man ihn trägt?

Vor allem ist ein Spitzenschuh sehr viel kompakter, er liegt ganz eng am Fuß an. Und vorne brauchen wir natürlich eine „Spitze“, also eine Fläche, damit wir überhaupt darauf stehen können. Diese Fläche hat ca. 5 cm Durchmesser und ist richtig hart. Das drückt dann schon … Aber die Tänzerinnen sind von Beginn an daran gewöhnt.

 

Tut es nicht wahnsinnig weh, wenn man auf den Zehen steht?

Am Anfang tut es schon weh. Wir benutzen Hilfsmittel, da gibt es alles: von Pflastern, über Küchenrolle bis zu abgeschnittenen Tennissocken oder Waschlappen.

Jede Tänzerin hat ihre eigene Methode. Irgendwann geht der Schmerz weg, die Füße gewöhnen sich daran. Für mich waren die Spitzenschuhe sogar der entscheidende Grund, warum ich mich fürs Ballett und nicht für Gymnastik oder Klavier entschieden habe. Ich wollte als Kind einfach Spitzenschuhe tragen, sie sind so elegant, so raffiniert, so weiblich – für mich ist das pure Leidenschaft. Da vergisst man die Schmerzen irgendwann.

 

Spitzenschuhe sind ein sehr weibliches Accessoire. Was ist mit den Männern? Wie lange würde es dauern, bis ein ausgebildeter Tänzer auf Spitze tanzen kann?

Die Muskeln der Männer sind generell weniger geeignet, um sich immer auf die Fußspitze hochzuziehen. Jungen und Männer werden in dieser Hinsicht anders trainiert, sie haben an der Stelle einfach nicht die gleiche Muskelkraft wie die Frauen. Es würde wohl ziemlich lange dauern … Vor allem bin ich mir aber nicht sicher, ob Männer wirklich gerne jeden Tag Spitzenschuhe tragen wollen würden … (lacht).

 

Und woraus besteht so ein Spitzenschuh?

Das ist je nach Hersteller unterschiedlich, die haben jeweils eigene Zutaten und „Rezepte“ und die sind geheim. Die meisten Schuhe sind aus einer ganz bestimmten Jute-Kleister-Stärke-Mischung für den vorderen Bereich des Fußes. Das ist ein bisschen mit Pappmaché vergleichbar. Diese vordere Box muss hart sein, damit sie das Gewicht des Körpers auf der Fußspitze halten kann; außerdem ist dieses Material verformbar und passt sich an den jeweiligen Fuß an. Der restliche Schuh besteht aus Stoff und Leder.

Jeder Schuh wird handgefertigt, viele Ballerinen haben sogar einen eigenen Schuhmacher. Das ist sehr, sehr viel Arbeit, jedes Paar ein Unikat.

 

Neue (Spitzen-)schuhe warten auf neue Besitzer:innen
Spitzenschuhverwalterin Séverine Ferrolier behält den Überblick über die Bestellungen.

 

Welche Anforderungen stellen denn die Tänzerinnen an die Spitzenschuhe?

Die Schuhe sollten lange halten, bei möglichst vielen Trainingsstunden und Proben und im Optimalfall auch bei mehreren Vorstellungen eingesetzt werden können. Die Tänzerinnen müssen die Schuhe vorher ja immer erst präparieren und das ist zeitintensiv: Es müssen die Bänder und Gummis angenäht werden, die Spitze vorne wird verstärkt, viele schneiden auch die Sohle innen nach eigenen Vorlieben zurecht. Füße sind ja sehr verschieden, die Schuhe werden immer noch individuell "bearbeitet", so dass sie perfekt passen. Das ist eine Menge Arbeit, bevor man überhaupt mit den Schuhen tanzen kann und jede Tänzerin hat da ihre eigene Methode.

 

Wie lange dauert es denn, um ein Paar herzustellen?

Auch das ist unterschiedlich. Nach Möglichkeit bestellen wir immer mit drei Monaten Vorlauf, damit wir die perfekten individuellen Schuhe bekommen.

 

Und wie lange hält so ein Schuh durchschnittlich?

Principals brauchen je nach Produktion durchschnittlich ein bis zwei Paar pro Vorstellung. Bei einem Corps-de-ballet-Mitglied halten sie zwei, maximal drei Vorstellungen.

Allerdings kann man die Schuhe meistens noch ein bisschen für Proben weiternutzen. Und es gibt einen speziellen Lack und Sekundenkleber, mit dem man die Sohle einstreichen kann. Dann werden sie wieder ein bisschen härter und die Schuhe können zumindest für Proben noch etwas länger getragen werden.

 

Es gibt gerade eine große Diskussion über Hautfarbe und Black- bzw. White-Facing im Ballett. Ist das bei Spitzenschuhen auch ein Thema? Werden die Schuhe an die Hautfarbe angepasst?

Wenn wir Tänzerinnen mit dunklerer Hautfarbe im Ensemble haben, bestellen wir auf Wunsch natürlich passende Schuhe. Das hat nichts mit Diskriminierung oder Rassismus zu tun. Es handelt sich um Kunst und eine Tänzerin muss sich wohlfühlen.

 

Du blickst auf eine über 20-jährige Karriere zurück. Wie haben sich in dieser Zeit Spitzenschuhe verändert?

Ich würde sagen, heute gehen die Tänzerinnen sehr viel bewusster mit dem Thema Schuhe um. Zu meiner Anfangszeit gab es vielleicht zwei, drei große Marken. Die Tänzerinnen heute haben mehr Auswahl und sind auch viel anspruchsvoller geworden. Sie wollen den für sie möglichst perfekten Schuh, wollen natürlich so wenig wie möglich verletzt sein. Denn dann ist man krankgeschrieben, verliert vielleicht eine wichtige Rolle. Als Tänzer:in ist jede Minute kostbar. Die Karriere ist ja so kurz. Und wenn man die richtigen Schuhe gefunden hat, hat das auch was mit Wohlfühlen zu tun, mit psychischer und physischer Gesundheit. Ich finde, da hat sich das Bewusstsein durchaus gewandelt.

 

Letzte Frage und ganz persönlich gefragt: Was bedeuten dir Schuhe?

Für mich haben Schuhe an sich etwas mit Bodenständigkeit zu tun. Als Künstler:in träumt man sich ja gerne mal in eine andere Welt, lebt in einer Utopie. Gute, passende Schuhe waren für mich immer ein Mittel, um am Boden zu bleiben, eine Verbindung zur Realität. Zumindest im Alltag. Was die Spitzenschuhe betrifft: Die habe ich seit meiner Jugendzeit getragen, meine ganze Karriere hindurch. Mittlerweile trage ich keine Spitzenschuhe mehr, jetzt ist eine andere Generation dran. Und das ist o.k. Obwohl man manchmal schon ein bisschen nostalgisch wird.

Trotz der Schmerzen, die immer wieder damit verbunden waren, haben Spitzenschuhe etwas Magisches.

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