Sie sagte nicht Ja noch Nein

Aus den Fünfzehn Liedern von Maurice Maeterlinck

1896 gab Maurice Maeterlinck seinen zweiten Gedichtzyklus Douze Chansons / Zwölf Lieder, illustriert mit zwölf Vignetten von Charles Doudelet, heraus. 1900 erweiterte er den Zyklus um die Gedichte IX, XIV, XV zu Quinze Chansons / Fünfzehn Lieder. In deutscher Übersetzung kam die Sammlung 1906 heraus. Das Lied V singt Mélisande in Maeterlincks Druckfassung des Schauspiels von 1892 zu Beginn der „Turmszene“ im dritten Akt. Für die Uraufführung des Schauspiels 1893 ersetzte er das Lied durch „Mes longs cheveux descendent". Diesen Text übernahm Debussy in seine Vertonung. Das ursprüngliche Lied veröffentlichte Maeterlinck, wie auch einige andere Lieder aus seinen frühen Dramen, in den Douze Chansons.

I

Sie schmiedeten sie in der Höhle an
Und machten ein Kreuz an die Pforte dann.
Die Maid gedachte des Lichts nicht mehr,
Und der Schlüssel, der fiel ins Meer.

Sie wartete drinnen die Sommerszeit,
Sie wartete sieben Jahr und mehr:
Alljährlich kam einer des Wegs daher.

Sie harrte drinnen die Winterszeit,
Und im Harren ward ihr das Haar so lang:
Das entsann sich des Lichtes Herrlichkeit,

Und suchte das Licht und fand’s und drang
Durch die Steine hindurch zum Felsenhang,
Hing nieder von ihm mit Prangen.

Eines Abends kommt noch Einer gegangen,
Weiss nicht, was der lichte Schein da sei,
Und traut sich nicht vorbei.

Er meint, ein Zeichen wär’s, gar eigen,
Er meint, ein güldner Born wär’ dort,
Er meint, es wär’ ein Engelreigen;
Er wendet sich und geht auch fort ...

V

Die drei blinden Schwestern
(Hofft und verzaget nicht),
Die drei blinden Schwestern
Mit goldner Lampen Licht

Steigen hinauf zum Turme
(Sie, ihr und der ich’s sag’)
Steigen hinauf zum Turme
Und harren sieben Tag’ ...

O, spricht die eine
(Hofft und verzaget nicht),
O, spricht die eine,
Ich höre unser Licht ...

O, spricht die andre
(Sie und wir andern auch),
O, spricht die andre,
Der König steigt herauf ...

Nein, spricht die Reinste
(Hofft und verzaget nicht),
Nein, spricht die Reinste,
Verloschen ist unser Licht ...

VIII

Sie hatte drei Kronen von lautrem Gold,
Wem gab sie die Kronen, sprich?

Die eine reicht sie den Eltern dar,
Die kauften drei Netze dafür von Gold,
Und hielten sie drin, bis es Frühling war.

Die andre tät’ sie den Buhlen weih’n,
Die kauften drei silberne Garne fein
Und hielten sie bis zum Herbst darin.

Die dritte gibt sie den Kindern hin,
Die kauften drei eiserner Fesseln Zwang,
Drin blieb sie gekettet den Winter lang ...

IX

Sie kam zum Schloss gegangen
– Die Sonne erhob sich kaum –
Sie kam zum Schloss gegangen,
Die Ritter blickten mit Bangen
Und es schwiegen die Fraun.

Sie blieb vor der Pforte stehen
– Die Sonne erhob sich kaum –
Sie blieb vor der Pforte stehen;
Man hörte die Königin gehen
Und der König fragte sie:

Wohin gehst du? Wohin gehst du?
– Gib acht in dem Dämmerschein –
Wohin gehst du? Wohin gehst du?
Harrt drunten jemand dein?
Sie sagte nicht Ja noch Nein.

Sie stieg zu der Fremden hernieder
– Gib acht in dem Dämmerschein –
Sie stieg zu der Fremden hernieder,
Die schloss sie in ihre Arme ein.
Die beiden sagten nicht ein Wort
Und gingen eilends fort.

Der König, der hat an der Schwelle geweint
– Gebt acht, wenn der Dämmer scheint –
Der König, der hat an der Schwelle geweint.
Man hörte der Königin Schritte verhallen,
Man hörte welke Blätter fallen.

XI

Mutter, hast du nicht vernommen,
Mutter, dass sie uns warnen kommen? ...
Tochter, gib mir deine Hand,
Tochter, es ist ein Schiff am Strand ...

Mutter, sei auf deiner Hut ...
Tochter, es fährt bald auf der Flut ...
Mutter, ist die Fährnis nah? ...
Tochter, es zieht in die Ferne ja ...

Mutter, es nähert sich immerfort ...
Tochter, bald ist’s nicht mehr im Port ...
Mutter, jetzt ist es schon im Haus ...
Tochter, es zieht in die Welt hinaus ...

Mutter, jetzt kommt es zur Tür herein ...
Tochter, sie ziehen die Anker ein ...
Mutter, jetzt flüstert es neben mir ...
Tochter, es ist schon fern von hier ...

Mutter, es nimmt den Sternen den Glanz ...
Tochter, die Segel beschatten sie ganz ...
Mutter, jetzt pocht’s an die Fenster an ...
Tochter, der Wind hat sie aufgetan ...

Mutter, ich sehe fast nichts mehr ...
Tochter, es fährt auf das hohe Meer ...
Mutter, es ist überall ganz nah ...
Tochter, wovon denn sprichst du da? ...

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