die Passagierin und die gesellschaftspolitische Relevanz von Musiktheater heute

Text von Serge Dorny

In den letzten beiden Spielzeiten haben wir aufgezeigt, dass das Genre der Oper im vergangenen Jahrhundert häufig als Mittel der Moralerziehung eines politischen Systems zu Propagandazwecken missbraucht worden ist. Auch wurde uns in den letzten beiden Spielzeiten durch manche Werke vor Augen geführt, dass Opern in der Geschichte ein Barometer für die Überzeugungen und Ängste der Gesellschaft darstellten. Selbst wenn solche Werke Jahrzehnte später in einem völlig anderen Kontext aufgeführt werden, behalten sie zentrale Teile ihres Entstehungskontextes: wie zum Beispiel Krzysztof Pendereckis Die Teufel von Loudon oder Sergej S. Prokofjews Krieg und Frieden als zwei einschneidende Werke aus der jüngeren Vergangenheit der Bayerischen Staatsoper.

Auch bei Mieczysław Weinbergs Die Passagierin handelt es sich um ein höchst politisches Werk, an dem wir deutlich seinen Entstehungskontext ablesen können und gut beraten sind, diesen zu decodieren. Die Oper basiert auf den autobiografischen Werken von Zofia Posmysz, die das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz überlebt hatte. Posmysz starb im Jahr 2022 – die Premiere an der Bayerischen Staatsoper wird die erste große Produktion nach ihrem Tod sein.

Die Handlung von Die Passagierin besitzt mehrere zeitliche Ebenen. Das Werk spielt in den späten 1960er-Jahren auf einem Schiff. Die Exildeutsche Lisa meint, in einer Passagierin Marta zu erkennen. Damit öffnet sich die Zeitebene der 1940er-Jahre: Lisa war Aufseherin in Auschwitz. Marta war Häftling. Die Vergangenheit drängt sich in Lisas Bewusstsein.

Gerard Mortier, einer der bedeutendsten Opernintendanten der letzten Jahrzehnte, brachte die gesellschaftliche Verantwortung und Bedeutung von Theater auf den Punkt: „Da, wo politische und ökonomische Entscheidungen zur Zeit meistens ohne jede langfristige Vision getroffen werden, brauchen wir mehr als je zuvor das Theater als moralische Anstalt, die sich sowohl die Warnung wie die Vision zur Aufgabe macht. […] Theater machen bedeutet, die Routine des Alltäglichen zu durchbrechen, die Akzeptanz wirtschaftlicher, politischer und militärischer Gewalt als Normalität infrage zu stellen, die Gemeinschaft zu sensibilisieren für Fragen des menschlichen Daseins, die sich nicht durch Gesetze regeln lassen, und zu bekräftigen, dass die Welt besser sein kann, als sie ist. […] Theater ist eine Religion des Menschlichen.“

Zu dieser Auseinandersetzung lädt uns Die Passagierin ein. In seinem Kern vergegenwärtigt das Stück die politische Relevanz von Kunst. Ich bin fest davon überzeugt, dass Die Passagierin das Stück der Stunde ist. Wir alle, die aufmerksam die Nachrichten verfolgen, können irritiert auf die Weltlage blicken. Die Konzentration auf einige aktuelle Geschehnisse macht klar, wie relevant Die Passagierin für uns alle ist und wie sehr wir die Normalität
unserer Jetztzeit infrage stellen müssen:

  1. Der kriegerische Überfall Putins auf die Ukraine dauert an. Am 21. Februar 2024 jährte er sich zum zweiten Mal. Jeden Tag werden neue Dimensionen der Grausamkeit erreicht. Es handelt sich um die Annexion eines souveränen Landes. Grenzen wurden in ihrer Souveränität nicht akzeptiert. Putin selbst betonte bereits 2016: „Die Grenzen Russlands enden nirgendwo.“ Heute finden sich diese Worte neben einer Abbildung des russischen Präsidenten auf Plakaten im öffentlichen Raum Russlands, zum Beispiel an einem Grenzübergang zu Narva in Estland, also zur Europäischen Union. Putin raubt Andersdenkenden jegliche Hoffnung. Jeder, der sich widersetzt, wird zum Opfer ­– das jüngste Beispiel ist Alexei Nawalny.
     
  2. Am 7. Oktober 2023 fand der Terrorangriff der Hamas auf Israel statt. Die radikal-islamistische Hamas verübte Massaker an der israelischen Zivilbevölkerung. Wir müssen dabei eine massive Gewalt insbesondere gegen Frauen während des Terrorangriffs beobachten, die als Geiseln nach Gaza entführt worden sind.
     
  3. Am 10. Januar 2024 veröffentlicht das Medienhaus „Correctiv“ eine Recherche über ein geheimes Treffen mehrerer AfD-Politiker, Neonazis, Unternehmer:innen und Vertreter:innen der Werteunion. Den Recherchen zufolge wurde auf dem Treffen Ende November 2023 über Pläne zur massenhaften Ausweisung von Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen.

Unglücklicherweise könnte eine solche Auflistung noch viele aktuelle Geschehnisse nennen.
Es ist eine Zeit der sich ständig überlagernden Krisen.

Aber es gibt auch hoffnungsvolle Ereignisse: Seit Januar dieses Jahres demonstrieren wöchentlich mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland. Das Ziel dieser zivilen Proteste ist kein solitäres, die Protestierenden demonstrieren gegen Fremdenhass, gegen Antisemitismus, gegen Gewalt, gegen Populismus. Kurzum: Die schweigende Mehrheit, wie es so gerne in populistischen Reden heißt, steht auf und kämpft für das Fragilste, was wir in unserer Demokratie besitzen: Pluralismus.

Diese Welt ist es, der wir in der Kunst begegnen müssen. Diese Welt gilt es zu hinterfragen. Wir alle müssen davon ausgehen, dass die Welt ein besserer Ort sein kann als sie es aktuell ist. Daher gilt es zu erinnern. Und gerade der Fakt, dass die letzten Zeitzeug:innen bald nicht mehr unter uns sein werden, sollte uns bewusstmachen, dass wir darüber nachdenken müssen, wie wir erinnern wollen.

Und gerade Die Passagierin befördert uns direkt in die kanonisierte Erinnerungskultur, in der wir alle leben. Es lässt sich auf verschiedene Weisen erinnern: nicht in Ehrfurcht oder Betroffenheit erstarrt, sondern mit einem lebendigen Interesse für das, was sich ereignet hat. Erinnern muss prozessual und offen sein.

Die heutige Welt ist schwerlich zu verstehen, ohne, dass wir die Vergangenheit decodieren. Aber Erinnern ist nie abgeschlossen. Wir sind gut damit beraten, die Art, wie wir erinnern, ständig zu befragen und nachzujustieren. Aber wie erinnern wir? Fakten scheinen objektiv. Dinge, die sich ereignet haben, wirken auf uns unumstößlich. Geschichte wirkt, als sei sie die Aneinanderreihung von Wahrheiten – von geprüften Fakten. Dass historische Ereignisse jedoch unterschiedlich interpretierbar sind, auch davon erzählt Die Passagierin: Wir haben uns von Beginn an mit der Frage beschäftigt, in wie weit der sowjetische Entstehungskontext des Werkes thematisiert werden muss. Die Vorlage der Auschwitz-Überlebenden weist Unterschiede zum Opernlibretto auf, was viel aussagt über den Entstehungskontext. Geschichte ist immer die Interpretation von Fakten. Sie ist ein Bereich des Intellekts, eine Geisteswissenschaft mit Werken, Archiven, Büchern und Bibliotheken. Derjenige, der sich mit Geschichte befasst, wird Teil der historischen Decodierung und färbt deren Fakten.

Die Erinnerung an die Shoah wurde zunächst verdrängt, als die Deportierten zurückkehrten. Die Verdrängung dessen, was in Nazi-Deutschland passiert ist im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz – wie es auch in DiePassagierin verhandelt wird –, hielt lange an. Diese Verdrängung hält bis heute an. Man sprach nicht über die Gräuel des Zweiten Weltkriegs. Claude Lanzmanns Dokumentarfilm Shoah machte 1985 nicht nur das Wort selbst populär, sondern trieb auch die Erinnerung an den Holocaust voran, indem er die Überlebenden zum Sprechen brachte und deren Erinnerungen wiederaufleben ließ.

Erinnerung ist nicht wissenschaftlich. Sie ist zerbrechlich, weil sie menschlich ist, weil sie ein Standpunkt ist. Das kollektive Gedächtnis hat ein enormes Gewicht. Wir als Individuen sind mit dem Erinnern unseres jeweiligen Kollektivs konfrontiert: Für einen Franzosen ist das Dilemma des individuellen und kollektiven Erinnerns an historischen Figuren wie Ludwig XIV. oder an Napoleon abzulesen. Die Erinnerung an Ludwig XIV. ist für einen Franzosen von heute nicht die Erinnerung eines Einwohners der Pfalz, die von den Kriegen Ludwigs XIV. und Turennes sowie den dabei verübten blutigen Massakern verwüstet wurde. Dies wird häufig ignoriert, wenn man nur das Gold von Versailles oder das Porträt Ludwigs XIV. von Hyacinthe Rigaud vor Augen hat. Ähnliches gilt für die Erinnerung an Napoleon.

Die Wahrnehmung von Ereignissen kann manchmal von einer Zeitebene zur anderen variieren und diametral entgegengesetzt sein. Ich möchte dies als die Labyrinthe des Gedächtnisses bezeichnen. Die Art und Weise, wie wir uns erinnern, ist von zentraler Bedeutung. Hier lauern die Fallstricke auf uns. Selbst ein Besuch in Auschwitz oder Dachau stellt das individuelle Gedächtnis nicht wieder her. Es besteht die Gefahr, dass die Denkmäler oder das kollektive Erinnern dazu führen, dass wir lediglich mehr Wissen in unseren Bibliotheken verwahren. Erinnerung, auch an die Shoah, muss lebendig bleiben. Es muss ein Prozess sein. Es gibt kein „Zu-Ende-Erinnertes“, was in den Schrank gestellt werden könnte. Wir müssen uns immer wieder mit Neugierde den historischen Fakten nähern.

Und durch diese ständige zeitgenössische Verarbeitung wird Geschichte lebendig. Sie wird nicht abgeschlossen, darauf hat schon der Literaturnobelpreisträger Isaac B. Singer in seinem 1966 erschienenen Roman Feinde, die Geschichte einer Liebe hingewiesen: „Die leeren Versprechungen des Fortschritts waren nichts als Spucke auf dem Gesicht der Märtyrer aller Generationen. Wenn die Zeit nur eine Form der Wahrnehmung oder eine Kategorie der Vernunft ist, dann ist die Vergangenheit genauso gegenwärtig wie die Gegenwart. Kain fährt fort, Abel zu ermorden. Nebukadnezar schneidet weiterhin Zedekias Söhnen die Kehle durch und sticht Zedekia die Augen aus. Das Pogrom von Kesheniev hört nie auf. In Auschwitz werden immer noch Juden verbrannt. Diejenigen, die nicht den Mut haben, ihrer Existenz ein Ende zu setzen, haben nur noch einen Ausweg: ihr Bewusstsein zu töten, ihr Gedächtnis zu lähmen, die letzte Spur der Hoffnung auszulöschen.“

Wenn die Erinnerung zum Mythos geronnen ist, besteht die Gefahr der Fehlinterpretation, auch durch die falschen Propheten des Faschismus oder Populismus. Das Theater ist eine Möglichkeit, dieser Gefahr zu begegnen. Es kann dabei helfen, das Bewusstsein für die Widersprüche und Paradoxien der Geschichte zu bewahren, indem es sie aufzeigt. Das Theater kann der vermeintlichen Wahrheit die Maske herunterreißen: Kunst ist dazu da, zu entlarven. Deshalb ist faschistische oder stalinistische Kunst keine Kunst, denn sie will Konsens, sie will pure Illustration sein. Damit Kunst funktioniert, muss sie Unbehagen erzeugen. Und für dieses Unbehagen steht paradigmatisch Mieczysław Weinbergs Die Passagierin.

Dass die Bayerische Staatsoper dieses absolut dringliche Werk präsentiert, ermöglicht es der Kunstform Oper, in der heutigen Gesellschaft weiterhin relevant zu sein, einen Beitrag zur heutigen Debattenkultur zu leisten, eine politische Dimension aufzuzeigen und dazu beizutragen, eine bessere Welt für morgen aufzubauen.

Zuhören wird uns nicht genügen. Wir sind selbst Teil des Diskurses und vor allem Teil der drängenden Fragen unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit.

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SERGE DORNY

STAATSINTENDANT DER BAYERISCHEN STAATSOPER

Serge Dorny wurde im belgischen Wevelgem geboren. Er begann seine Theaterlaufbahn im Dramaturgenteam des von Gerard Mortier geleiteten Théâtre de la Monnaie in Brüssel und wechselte von dort zum Festival von Flandern, wo er 1987 künstlerischer Leiter wurde. Er belebte das Festivalprogramm mit neuem Repertoire und unerwarteten Begegnungen zwischen Barock und Zeitgenössischem, lud große Orchester ein und verpflichtete eine Reihe von Dirigenten, die am Anfang ihrer Karriere standen, wie Iván Fischer, Valery Gergiev, Simon Rattle und Esa-Pekka Salonen.

1996 wurde er zum Generaldirektor und Künstlerischen Leiter des London Philharmonic Orchestra ernannt. Dort stabilisierte er die finanzielle Situation und stellte das künstlerische Niveau des Orchesters wieder her: Kurt Masur wurde zum Chefdirigenten und Vladimir Jurowski zum Ersten Gastdirigenten ernannt, und es wurde die Zusammenarbeit mit Bernard Haitink, Mariss Jansons und Wolfgang Sawallisch intensiviert.

Die Passagierin

Oper in zwei Akten (Komposition 1968, konzertante Uraufführung 2006)