Portraitserie Haas #1
#1 Es gibt keine ,richtige‘ neue Musik.
Text von Daniel Ender
Lesedauer: ca. 3 Minuten
Vor vielen Jahren hat mir Georg Friedrich Haas die amüsante Geschichte aus Paul Austers New York Trilogy erzählt, dass Ivan Wyschnegradsky, einer der Pioniere der „Ultrachromatik“ (also der Teilung der Oktave in kleinere Schritte als die gebräuchlichen Halbtöne), keinen Kühlschrank besessen habe. Das obertonreiche Surren des sich immer wieder bemerkbar machenden Elektrogeräts hätte sich für Wyschnegradsky so sehr mit seiner Idealvorstellung präzise temperierter Intervalle gerieben, dass die „Reinheit“ der Obertöne des Kühlschranks für ihn nicht auszuhalten gewesen wäre. Der Anfang von Haas’ 2. Streichquartett transformiert die penetranten Kühlschrankgeräusche in einer idyllisch in der Natur gelegenen Ferienwohnung, in die sich Haas zum Komponieren zurückgezogen hatte. (Er hat übrigens aus der Not eine Tugend gemacht und die Obertöne des Kühlschranks als Gehörtraining mitgesungen.)
Auch wenn er mit inzwischen ermüdender Regelmäßigkeit als „Spektralist“ bezeichnet wird – also als Komponist, der auf die Klangfülle von Obertonakkorden zugreift, um diese als vielfach differenzierbares Gestaltungsmittel zu verwenden –, ist das höchstens die halbe Wahrheit. Denn Haas nutzt fast immer mehrere harmonische Systeme – vielleicht sollte man besser sagen: Welten – zugleich, lässt sich aufeinandertreffen, sich aneinander reiben und verschmelzen, vom unerbittlichen Konflikt bis zur völligen Annäherung. So macht er die Ergebnisse seiner systematischen Erforschung der Mikrotonalität (also von Vierteltönen und noch kleineren Intervallen) ebenso nutzbar wie minuziös ausgelauschte Obertonstrukturen und natürlich die gängigen Intervalle des traditionellen Tonsystems.
Die Masse der Meisterwerke wirkte in ihrer Großartigkeit sowohl inspirierend als auch erdrückend.
- Georg Friedrich Haas
Bildeten für den Studierenden in den 1970er Jahren die Werke eines György Ligeti oder Friedrich Cerha Ansporn und Maßstab und blieb er in der Folge stets höchst aufmerksam gegenüber neuen kompositionstechnischen und ästhetischen Strömungen, so entwickelte er bald eine eigene, höchst persönliche Musiksprache mit hohem Wiedererkennungswert. Zugleich lässt sich diese in einem stetigen Austausch mit der Musik anderer begreifen, sowohl jüngeren Datums als auch zum Teil weit in die Geschichte hinein. Der Komponist selbst sagt zu diesem Spannungsfeld: „Ich habe keinen Standort. Ich entwickle mich, bewege mich. Vor 50 Jahren, als ich zu studieren begann, war die Musikgeschichte zu einer riesigen, unüberschaubaren Menge angewachsen. Verzweifelt bemühten wir uns, einen Überblick über die Entwicklungen vom Gregorianischen Choral bis zu Stockhausen, Boulez und Lachenmann zu bekommen. Die Masse der Meisterwerke wirkte in ihrer Großartigkeit sowohl inspirierend als auch erdrückend.