Wanderjahre

von Händl Klaus

Fotografie von Dylan Hausthor

Frau Lindinger schloß für immer die Augen. Ihr Mann saß daneben und schaute sie an, nahm die warme Hand in seine, auch, um sie zu wärmen, bis er einschlief und von sich in einer Höhle, die sich schützend wie ein Fischmaul, das den Nachwuchs schützend einsog und an einer stillen Stelle später ausstieß, um ihn schloß, weil er darin schlafen konnte, träumte. Er erwachte ausgeruht. Sie lagen dann getrennt, er zog die Tagesdecke über seine Frau und nahm sich vor, hinauszugehen, konnte...es nicht, atmete...kaum noch, aber in der Nacht, die kam, war es ihm so eng, daß er durch das Dunkel auf die Tür zu ging, um die Deckenlampe einzuschalten. Dort war er aber zu müde. Er ließ das Licht sein. Auf der Straße ging es besser, es war eine Gasse, still und halbwegs hell. Nie mehr kehrte er zurück. Denn das Land war groß genug, es gab sehr viele Städte, Plätze, Märkte, auch den Strand, es war ein Seenland. Er fiel nicht auf und lebte daher ohne Geld von Tag zu Tag ins Blaue hinein, prellte kleine und große Hotels, Gasthäuser und Freunde, die er fand; in Mörbisch fand er ein eigenes Haus, das keinem mehr gehörte, darin schlief er eine Zeitlang. Er war auf die Suche gegangen, ein Bild seiner Frau trug er bei sich, das er allen, die ihm helfen wollten, zeigte, und er wußte selbst am besten, wie sie aussah, graues kurzes Haar über beinah unsichtbaren Augenbrauen, spitze Schultern, eine helle, gelbe Jacke. Wo er Menschen sah, seufzte er auf und schöpfte, was man Hoffnung nennt; er sehnte sich nach ihr. Die grauen Frauenköpfe drehten sich, weil er nach einer Straße fragte, nach ihm um, er sah sie alle an. Seine Frau war nicht darunter. Einiges versprach er sich von den großen Menschenmengen an den Wochenenden. Einem jeden grauen Hauch ging er seufzend nach. Eine Dame glich der Frau aufs Haar, doch als sie sprach, war es eine Tirolerin. Er fuhr nach Wien. Er gab nie auf.