John Neumeier

Von 1973 bis 2024 war John Neumeier Ballettdirektor und Chefchoreograph des Hamburg Ballett, seit 1996 hatte er zusätzlich den Status eines Ballettintendanten. Geboren wurde er 1939 in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin. Den ersten Ballettunterricht erhielt er in seiner Heimatstadt, später in Kopenhagen und an der Royal Ballet School in London. Er studierte an der Marquette University in Milwaukee und erwarb den Grad eines Bachelor of Arts in Englischer Literatur und Theaterwissenschaften. 1963 engagierte ihn John Cranko an das Stuttgarter Ballett, wo er später zum Solisten avancierte und seine ersten Choreographien schuf. 1969 berief ihn Ulrich Erfurth als Ballettdirektor nach Frankfurt am Main. John Neumeier erregte schnell Aufsehen, vor allem durch seine Neudeutung bekannter Handlungsballette wie Der Nussknacker, Romeo und Julia und Daphnis und Chloë. August Everding holte ihn 1973 nach Hamburg. Unter seiner Direktion wurde das Hamburg Ballett zu einer der führenden deutschen Ballettcompagnien und erhielt sehr bald internationale Anerkennung.

Als Choreograph gilt sein Hauptinteresse der großen Form. Ein wesentliches künstlerisches Ziel ist es, neue, zeitgenössische Formen für das abendfüllende Ballett – sei es dramatisch oder sinfonisch – zu finden und sie in den Kontext der klassischen Ballett-Tradition zu stellen. Ihr fühlt er sich bei seinen Neufassungen der historischen Handlungs- und Märchenballette besonders verpflichtet. In seinen Neuschöpfungen sucht Neumeier eigene Erzählstrukturen, etwa in den Literaturballetten Die Kameliendame, Endstation Sehnsucht und in seinen Adaptionen von Ibsens Peer Gynt, Andersens Die kleine Meerjungfrau sowie Tatjana nach Puschkins Eugen Onegin. 2003 schuf er Tod in Venedig nach Thomas Manns Meisternovelle und 2006 Parzival – Episoden und Echo nach Chrétien de Troyes und Wolfram von Eschenbach. John Neumeiers Choreographien auf Mahler-Sinfonien fanden weltweite Anerkennung, namentlich Dritte Sinfonie von Gustav Mahler (1975). Eine Schlüsselfunktion in seinem Schaffen kommt den Balletten zu, die er auf sakrale Musik komponierte, etwa Bachs Matthäus-Passion (1981) und Weihnachtsoratorium (2013), Mozarts Requiem (1991) sowie Händels Oratorium Der Messias (1999).

Als Gast hat John Neumeier u. a. beim American Ballet Theatre in New York City, beim Royal Ballet in London, beim Tokyo Ballet, Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg, beim Königlichen Ballett in Kopenhagen und beim Ballet de l'Opéra national de Paris choreographiert.
John Neumeier ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. Unter seinen weiteren Auszeichnungen sind die Ehrenbürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg, der Deutsche Tanzpreis für sein Lebenswerk (2008), der Prix Benois de la Danse für sein Lebenswerk (2016) sowie die Aufnahme in den Orden „Pour le mérite“ (2024) zu nennen.

Das Bayerische Staatsballett nahm neben Illusionen – wie Schwanensee auch Neumeiers Handlungsballette Ein Sommernachtstraum (1993), Die Kameliendame (1997) und A Cinderella Story (2000) in sein Repertoire auf. 2003 zeigte die Compagnie einen vierteiligen Abend mit dem Titel Portrait John Neumeier. Das Ballett der Bayerischen Staatsoper hatte bereits die Ballette Der Nussknacker (1973), Bach-Suite 2 (1980, Kreation) und Josephs Legende (1980) gezeigt. John Neumeier hat zudem in der Spielzeit 1977/78 Verdis Otello an der Bayerischen Staatsoper inszeniert.