Ein Prozess der Trauer und des Abschiednehmens

von Dramaturgin Corinna Jarosch

Fotografie von Dylan Hausthor

Lesedauer: ca. 3 Minuten

Regisseurin Anna-Sophie Mahler über ihre Annäherung an die Oper Thomas von Georg Friedrich Haas

In der Opernliteratur sind die Themen Liebe und Tod nichts Außergewöhnliches. Was ist in dieser Oper anders?

Zuallererst ist interessant, dass hier der Tod nicht am Ende eines großen Dramas hereinbricht und danach Schluss ist, sondern am Beginn steht. Das Sterben des geliebten Freundes Matthias passiert gleich am Anfang. Dann setzt der Prozess des Abschiednehmens und der Trauer ein, aber nicht nur das: Was passiert, wenn jemand stirbt? Was muss alles erledigt werden an ganz profanen Dingen? – Der Körper muss gewaschen werden, die Person muss neu angezogen werden und, das, bevor die Totenstarre eintritt. Viele organisatorische Dinge stehen an. Das Libretto von Händl Klaus beschreibt das sehr genau. Wir werden nicht geschont in der Konkretheit der Vorgänge, die in ihrer Weise erst einmal sehr nüchtern sind. Wie die Sprache selbst. Sie ist geradlinig und schnörkellos und steht scheinbar im Kontrast zur Musik, die das Innere des Menschen beschreibt, dessen Name auch der Titel der Oper ist: Thomas. Er ist es, der seinen geliebten Freund verliert, und sein emotionales Erleben ist der Kern dieser Oper. Der Trauerprozess und das Verarbeiten von Verlust ist, was wir auf der Bühne erzählen, sehr direkt, sehr intim und sehr subjektiv.

Wie bringt man einen inneren Prozess nach außen und auf die Bühne?

Die Oper beginnt – das ist sehr eindrücklich – mit der Atmung des sterbenden Matthias. Man hört fast nur seine Atemzüge. Die Lunge dehnt sich und zieht sich wieder zusammen. Wir setzen das in einer großen Video-Rauminstallation um. Wenn das Publikum zu Beginn den Zuschauerraum betritt, ist es inmitten eines atmenden Körpers. Der gesamte Raum ist ein einziges Atmen, das allmählich seine Regelmäßigkeit verliert und irgendwann ganz zum Stillstand kommt.
Das Atmen ist etwas so Selbstverständliches in unserem Leben, dass wir es eigentlich gar nicht wahrnehmen. Aber in dieser außergewöhnlichen Situation wird es ganz wesentlich, weil es das ist, was uns noch am Leben hält. Jeder, der einmal bei einem Sterbenden war, weiß, wie wichtig diese letzten Atemzüge sind. Ich habe das bei meinem Vater miterlebt.
Wir schauen zusammen mit Thomas, der sich zu Beginn mit uns im Publikum befindet, auf diesen noch lebenden Körper. Wir gehen mit ihm hinein in das Abschiednehmen, in diesen Zustand einer Zwischenwelt, in der der Boden unter den Füßen plötzlich an Sicherheit verliert.

 

Jeder, der einmal bei einem Sterbenden war, weiß, wie wichtig diese letzten Atemzüge sind.

- Anna-Sophie Mahler

 

Wie gerät der Boden in der Reithalle ins Wanken?

Das passiert musikalisch. Dieser Übergang, die Transformation wird durch ein mikrotonales Harfen-Glissando markiert. Danach ist die bis dahin fast nur geräuschhafte Tonsprache eine andere. Sie betritt die für diese Oper charakteristische Klangwelt von Naturtönen auf vorwiegend gezupften Instrumenten. Dadurch kommt man als Hörende:r in eine Art Schwebezustand. Wir gehen diesen musikalischen Prozessen nach und übersetzen sie in einen assoziativen Gefühlsraum: Mit dem eintretenden Tod verändert sich der Körper. Etwas hat den Körper verlassen und eine Hülle bleibt zurück. Es beginnt der Prozess der Erstarrung, auch der Zersetzung. Was bleibt eigentlich von einem Menschen übrig? Diesen Prozess verfolgen wir wie in einer mikroskopischen Aufnahme, ganz nah, eigentlich schon als Teil des inneren Köpers. Thomas wird Teil des toten Körpers von Matthias, weil man sehr eng verbunden ist mit jemandem, den man über alles liebt. Man hat das Gefühl, wenn jemand stirbt, der einem sehr nah stand, der dein Leben war, dass auch etwas in dir selbst stirbt. So bedeutet der Verlust des Gegenübers auch erst einmal den Verlust der eigenen Identität. In dem Prozess der Trauerarbeit überkommt einen daher eine Todessehnsucht, der Wunsch, sich danebenzulegen und ebenfalls zu sterben, mit dem geliebten Menschen diese Welt verlassen zu können. Diese Verführung des Todes stellt für mich zum Beispiel Frau Fink von der Bestattung dar.

Die Szene entwickelt sich von einem professionellen Umgang mit Trauer und Tod zu einer sehr intimen Situation. Welche Rolle spielt Frau Fink für die Gefühlswelt von Thomas?

Er fühlt sich einen Moment wohl bei ihr, lässt sich von ihr anfassen, um dann zu merken, dass sie übergriffig wird und dass er sich lösen muss. Sie wird plötzlich das Grauen schlechthin. Wir haben ja den konkreten toten Körper von Matthias nie auf der Bühne, sondern nur Thomas. Das heißt, alles, was eigentlich mit dem toten Körper von Mathias gemacht wird, passiert bei uns mit Thomas. Er wird von Frau Fink zu einem Toten gemacht. Seine Entscheidung, gegen sie vorzugehen, ist für ihn daher seine Entscheidung für das Leben und damit der erste Schritt, am Ende loslassen zu können.

Das hört sich an, als würde die Trauerarbeit gelingen. Kann Thomas seinen Freund Matthias am Ende gehen lassen?

Ja, aber erst ganz zum Schluss. Davor ist immer noch Hoffnung. Die Hoffnung, diesen Menschen nicht fortlassen zu müssen. Und er lässt ihn nicht los, zumindest in Gedanken. Er redet immer weiter mit ihm und denkt, er ist noch neben ihm. Das ist ein Stadium der Trauer. Dadurch bleibt man jedoch in der Vergangenheit verhaftet und ist nicht frei, ein neues Leben zu führen, weil man den Toten immer mit sich trägt. Die Erkenntnis dass auch Thomas seinen toten Freund wirklich gehen lassen muss, verbinde ich mit den Worten „Lasciatemi morire!“, also: „Lass mich sterben!“ aus dem Lamento d’Arianna von Monteverdi. Wir setzen dieses Madrigal an den Schluss. Das ist eine andere musikalische Sprache. Ein Kontrast. Eine andere Welt. Dahin kann Thomas nicht mitgehen und am Ende entlässt er Matthias in dieses andere Reich. Dieser totale Verlust ist natürlich zunächst extrem schmerzhaft, diese Leere, die entsteht und die gleichzeitig auch ein Beginn ist. Insofern hat das Ende auch etwas sehr Tröstliches. Es ist eine Akzeptanz, eine radikale Akzeptanz. Und dafür steht das Madrigal von Monteverdi. Ich finde es spannend und schön, diese Vorstellung mit hineinnehmen zu können in den emotionalen Verlauf der Oper.