Kampf gegen den Faschismus

über den gesellschaftspolitischen Rahmen der Passagierin in der UdSSR


Text: Dmitri D. Schostakowitsch

Anlässlich des Drucks der Erstausgabe des Klavierauszugs von Die Passagierin beim Verlag Sovetsky Kompozitor schreibt Dmitri D.  Schostakowitsch folgende einleitenden Worte:
Moskau, September 1974
Ich werde nicht müde, mich für die Oper Die Passagierin von Mieczysław Weinberg zu begeistern. Dreimal habe ich sie schon gehört, die Partitur studiert, und jedes Mal verstand ich die Schönheit und Größe dieser Musik besser. Ein in Form und Stil meisterhaft vollendetes Werk und dazu vom Thema her ein höchst aktuelles. Die moralisch-sittlichen Ideen, die der Oper zugrunde liegen, seine Geistigkeit und sein Humanismus können den Zuhörer nicht unbeeindruckt lassen. Bei der Besprechung der Passagierin im Komponistenverband sagte einer der Musiker, die Oper sei mit Herzblut geschrieben. Diese Worte hätten schwülstig wirken können, doch in diesem Fall waren sie angebracht und gerechtfertigt. Weinbergs Leben und Schicksal selbst haben ihm gleichsam diktiert, sich so zu äußern. Die Musik der Oper erschüttert mit ihrer Dramatik. Sie ist prägnant und bildhaft, in ihr gibt es keine einzige „leere“, gleichgültige Note. Alles ist vom Komponisten durchlebt und durchdacht, alles ist wahrheitsgetreu und mit Leidenschaft ausgedrückt.

Ich verstehe diese Oper als eine Hymne an den Menschen, eine Hymne an die internationale Solidarität der Menschen, die dem fürchterlichsten Übel auf der Welt, dem Faschismus, die Stirn boten. Weinberg hatte auch früher schon Werke geschrieben, die dem Kampf gegen den Faschismus gewidmet waren. In der schöpferischen Entwicklung des Komponisten stellt Die Passagierin eine wichtige Stufe dar. Die vielen vorangegangenen Arbeiten haben ihn zu diesem Gipfel hingeführt.

„Wenn das Echo ihrer Stimmen verhallt, gehen wir zugrunde“, – diese Worte des französischen Kommunisten und Dichters Paul Eluard haben die Autoren der Oper als Motto vorangestellt. Der Appell an das Gedächtnis, das heißt auch an das Gewissen eines jeden von uns hat einen tieferen Sinn. Damit sich die Schrecken der Vergangen- heit niemals wiederholen, müssen wir uns an diese Vergangenheit erinnern und jene, die in den Jahren des Krieges ihr Leben für unser Leben und unsere Freiheit gelassen haben, in Ehren und im Gedächtnis behalten.

Die Oper ist nach der gleichnamigen Novelle der polnischen Schriftstellerin Zofia Posmysz geschrieben. In viele Sprachen übersetzt, war diese talentierte Novelle schon für Radio und Fernsehen,  Theater und Kino bearbeitet worden. Jetzt war es an der Zeit, sie in Musik umzusetzen.

Der Komponist und die Librettisten1  haben sich in den Grundzügen zwar an das Sujet der Novelle gehalten, aber die Handlung wesentlich erweitert sowie neue Personen, neue Motive und Situationen eingeführt. Dies geschah mit Feingefühl und Verständnis für die Spezifik der musikalischen Dramaturgie. Zum Beispiel: Einer der Helden der Novelle, Tadeusz, wird in der Oper der Beruf des Musikers zugedacht. Anscheinend ein kleines Detail. Doch mit ihm kam das Thema „Kunst“ in die Oper und bereicherte so den ideellen Kern  des Werkes, erlaubte es doch den Autoren, die Konzertszene in Auschwitz, den Höhepunkt der Oper, zu schaffen. In dieser Szene gibt es keine Worte, es erklingt nur Musik. Gerade die Musik entscheidet über den Ausgang des geistigen Zweikampfes der Aufseherin Lisa mit Marta und Tadeusz, ein Zweikampf, den Lisa verliert. Dem zu Tode verurteilten Tadeusz wird befohlen, eine banale  Melodie auf der Geige zu spielen, um mit ihr das Ohr des Lagerkommandanten zu erquicken. Als Antwort darauf spielt Tadeusz die Chaconne d-Moll BWV 1004 von Johann Sebastian Bach. Dem  Soloinstrument schließt sich das Orchester an und erhöht somit noch mehr den Klang dieser unsterblichen Musik. Es ist schwierig mit Worten die tragische Kraft dieser Szene wiederzugeben.

Der dramatische Inhalt hinderte die Autoren nicht daran, auch lyrische Episoden zu schaffen, die uns durch ihre Feinheit und Reinheit einnehmen. Ich erwähne das wunderbare Duett von Marta und Tadeusz mit seiner bezaubernden Phrase „ach, spiel, bitte spiele für mich“; oder die Szene, in der die gefangenen Frauen davon träumen, was sie nach dem Krieg machen wollen; das Lied Dolina-dolinusch-ka (Du mein Tal, geliebtes Tal), welches das russische Mädchen Katja singt, und die Szene des Französisch-Unterrichts, in der die junge Yvette und die alte Bäuerin Bronka unaufhörlich ein und das-selbe wiederholen: das für Auschwitz so zentrale Wort „leben“: „ich lebe, du lebst, sie lebt ...“

Ich freue mich darüber, dass der gedruckte Klavierauszug der  Passagierin erscheint. Ich freue mich über die Möglichkeit, noch einmal ein gutes Wort für diese Oper einlegen zu können, die ich liebe und an deren Schicksal ich glaube.

1Anders als in den sowjetischen Quellen angegeben, wurde das Libretto allein von Alexander W. Medwedew verfasst. Juri B. Lukin wurde ursprünglich als Co-Autor des Librettos angegeben, mehrere Indizien sprechen allerdings dafür, dass er nicht an der Erstellung des Librettos beteiligt war.

 

Falls Sie auf Begrifflichkeiten gestoßen sind, die Sie gerne noch einmal nachschlagen möchten, haben wir ein Glossar rund um die Themen der Neuproduktion Die Passagierin erstellt.

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© Dmitri Shostakovich 1925. Unbekannter Autor

© Dmitri Shostakovich 1925. Unbekannter Autor

DMITRI D. SCHOSTAKOWITSCH

Dmitri D. Schostakowitsch, 1906 in St. Petersburg geboren, 1975 in Moskau verstorben, komponierte 15 Symphonien, 15 Streichquartette, Instrumentalkonzerte, Bühnenwerke und Filmmusiken. Er brachte die Hälfte seines schöpferischen Lebens während der Diktatur Josef Stalins zu. Mit seiner zweiten Oper Lady Macbeth von Mzensk gelang ihm 1934 ein großer Erfolg, obgleich das Werk für Schostakowitsch eine düstere Zäsur markierte. Stalin, der eine Vorstellung besucht hatte, veranlasste den Prawda-Artikel Chaos statt Musik, der in einem öffentlichen Scherbengericht und dem temporären Berufsverbot für den Komponisten mündete. Schostakowitsch lebte und arbeitete seither unter ständiger Angst und war doch gleichzeitig einer der erfolgreichsten Komponisten der Sowjetunion.

Die Passagierin

Oper in zwei Akten (Komposition 1968, konzertante Uraufführung 2006)