Sprache, die uns verbindet

über Sprache(n) und Erfahrungen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz

Text: Imke Hansen

Welche Sprache wählen wir, um eine Verbindung herzustellen – mit einem Menschen, einer Gruppe, einem Umfeld oder einem historischen Ereignis? Es geht schließlich nicht nur um Verständlichkeit, sondern auch um Verständigung, um Kontaktaufnahme. Wenn wir über Konzentrationslagererfahrung sprechen, ist es schwer, eine Sprache zu finden. Wenn wir Menschen sprechen lassen wollen, die das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und andere Lager erlebt haben, ist es noch schwerer: Wir wollen etwas in unsere Nähe rücken und gleichzeitig Respekt wahren. Respekt hat auch immer mit einer gesunden Grenze zu tun, mit einem Abstand zu dem, wovor man Respekt hat. Wir wollen eine Erfahrung nachvollziehbar, vielleicht sogar erlebbar machen. Wenn wir aber versuchen, etwas zu reinszenieren, was außerhalb von Todesbedrohung und Folter nicht wiederherstellbar ist, laufen wir Gefahr, die Erfahrung falsch darzustellen oder sogar abzuwerten.

Dieses Dilemma ist nicht neu. Schon in der direkten Nachkriegszeit debattierte man in Polen darüber, wie der Gedenkort des Konzentrations-und Vernichtungslagers Auschwitz gestaltet werden soll. Es gab Verfechter:innen einer Reinszenierung des Ortes, um den Besucher:innen die Erfahrung der Opfer von Auschwitz nahezubringen. Gegner:innen sahen die Gefahr, damit ein makabres Panoptikum zu schaffen und dadurch die Würde der Opfer zu verletzen. Ohne die Reinszenierung von Schrecken, wurde befürchtet, könnte die Darstellung von Auschwitz allerdings verharmlosend und ermüdend wirken.

Dreh- und Angelpunkt der Debatte über das Design des entstehenden Museums war die Feststellung, dass sich Schrecken nicht konservieren lassen, diese Schrecken aber der Kern der Erfahrung sind, die dargestellt werden sollen. Ähnlich verhält es sich mit der Sprache, die wir verwenden, um Kontakt mit den historischen Erfahrungen von und in Auschwitz aufzunehmen.

Für welche Sprache sollen wir uns also entscheiden, um mit der Erfahrung von Konzentrationslagerhaft und massenhafter Ermordung Kontakt aufzunehmen? Bleiben wir näher bei uns und wählen eine Sprache, die uns geläufig ist? Oder wählen wir eine, in der wir vielleicht unsicher sind, von der wir aber glauben, dass es die Sprache des Gegenübers ist? Und was ist, wenn wir die Sprache des Gegenübers nicht wirklich kennen, außer einzelne Begriffe. Was ist, wenn diese Sprache nie fixiert wurde, nicht erlernbar ist und auch nicht reproduzierbar? Weil sie durch ein grauenhaftes Unterdrückungssystem hervorgebracht wurde und gleichzeitig durch die Überlebensenergie und den Willen, diesem System zu trotzen?

ÜBERLEBEN UND SPRECHEN IN AUSCHWITZ

Die Rede ist von der so genannten Lagersprache, also der Sprachkonvention, die im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz entstanden ist, wie auch in vielen anderen Lagern. Sie entstand in der Kommunikation der Häftlinge untereinander, und damit in einer sozial, kulturell und sprachlich heterogenen Gruppe. Damit stand sie nicht nur unter dem Einfluss unterschiedlicher Nationalsprachen, sondern auch Milieusprachen und Soziolekten.

Die erste Häftlingsgruppe, die Anfang Mai 1940 in dem ehemaligen Kasernenkomplex am Rande der Stadt Oświęcim ankam, sprach Deutsch. Die dreißig Häftlinge aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen, die dort als „Kriminelle“ registriert gewesen waren, wurden im Konzentrationslager Auschwitz als Funktionshäftlinge zur Aufsicht über die im Folgenden ankommenden Häftlinge eingesetzt. Sie brachten neben ihrer Nationalsprache, dem Deutschen, auch Elemente aus der in einem kriminellen Milieu gepflegten Sprachvarianten sowie den Soziolekten unterschiedlicher Gefängnisse mit. Die deutsche Sprache bildete eine Art Stamm der Lagersprache, da es die offizielle Sprache in allen nationalsozialistischen Lagern war. Wer in Auschwitz überleben wollte, war gezwungen, das im Lager gesprochene Deutsch verstehen und sprechen zu lernen. Die Häftlinge von Auschwitz gebrauchten naturgemäß viele verschiedene Sprachen und verfügten darüber hinaus über unterschiedliche sprachliche Kompetenzen. Zur Bewältigung des Alltags lag es allerdings in vielen Situationen in ihrem eigenen Interesse, auf Deutsch zu kommunizieren.

Darüber hinaus entstanden Lagersprachen in von der übrigen Gesellschaft isolierten Gruppen, die extremen Bedrohungen und Quälereien ausgesetzt waren. Diese Ebene in der Lagersprache ist vielleicht die spannendste, da sie eben auch die fremdeste ist, die am wenigsten erforschbare. Die Lebensumstände im Lager brachten eine Sprache hervor, die nicht nur gruppenspezifisch und umgebungsspezifisch war, sondern auch der „verbalisierte Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls“, wie es der Slawist Wolf Oschlies in den 1980er Jahren formulierte. Zu eben diesem sprachprägenden Lebensgefühl, welches sicherlich mehr mit Überleben als mit Leben zu tun hatte und gleichzeitig ein Streben nach Leben und damit Lebendigkeit in sich trug, eröffnet die Beschäftigung mit Überlieferungen der Lagersprache einen Zugang, wie ein kleines Fenster.

FUNKTIONEN UND GEBRAUCH

Die Auschwitz-Überlebende Mieczysława Chylińska erklärte: „Die Lagerrealität schuf die Lagersprache […], ein bisher unbekannter Bestand von Wörtern und Phrasen, der nur im Lager brauchbar war.“ Andere ehemalige Häftlinge berichteten, dass der Gebrauch der Lagersprache das Überleben im Lager erleichtern konnte. Die Überlebensbedingungen und Anforderungen im Lager, die von der Terrorherrschaft der SS geprägt waren, bildeten also den Rahmen für die Entwicklung der Lagersprache. Sprechen und Verstehen war im wahrsten Sinne des Wortes überlebensnotwendig. Einen besonderen Platz nahmen daher Themen ein, die im Zusammenhang mit der Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse standen.
Die Lagersprache diente den Häftlingen dazu, sich in einer Umgebung zurechtzufinden, die sich von allem bisher Erlebten unterschied. Sie war enorm wichtig für die Orientierung. Lagersprache war eine Kommunikationsform und gleichzeitig eine Sammlung lebenswichtiger Ausdrücke. Sie gibt uns heute Auskunft über die Abläufe und Realitäten im Lager. Orientierung ist in unser aller Leben unerlässlich für die Bewältigung von Herausforderungen. Je größer die Schwierigkeiten, mit denen wir konfrontiert sind, desto wichtiger ist es, sich gut zu orientieren, um handlungsfähig zu bleiben, um nicht vor Schreck zu erstarren, um mit heiler Haut davon zu kommen und möglicherweise auch anderen dabei zu helfen.

Orientierung ist in unser aller Leben unerlässlich für die Bewältigung von Herausforderungen

Sprache und Kommunikation stellen zwischenmenschlichen Kontakt her. Sie schaffen Bindung, Zugehörigkeit und Unterstützung, also Dinge, die für das Leben von Menschen unerlässlich sind. Es gehört zur Perfidität der nationalsozialistischen Verfolgung und ihrer Köpfe, die Lager und ihre Regeln und Gesetze so einzurichten, dass die Opfer gezwungen waren, die Sprache der Täter:innen zu benutzen, denn auch wenn die Lagersprache ihre Eigenheiten aufwies, war das Deutsche in ihr sehr präsent. So mussten auch die Herstellung von Vertrauen, das Anbahnen von Freundschaften und möglicherweise selbst romantische Annäherungen im Lager über eine Sprache laufen, die mit den Täter:innen und den von ihnen verübten Grausamkeiten assoziiert war. Ebenso absurd scheint es, dass deutsche Begriffe der Lagersprache der konspirativen Kommunikation dienten, etwa wenn es um Fluchten oder die Organisation von Nahrungsmitteln ging. Häftlinge benutzten beispielsweise die Wörter „achtzehn/achcen“, „malta“ und „flora“ als Warnrufe in Momenten besonderer Gefahr. Diese Wörter wurden damit in einem völlig neuen Kontext mit neuer Bedeutung verwendet.

Die Lagersprache gewährleistete die gegenseitige Verständigung von Menschen, die keine gemeinsame Sprache hatten, aber existenziell auf Kommunikation angewiesen waren. Sie diente der Realisierung konkreter Kommunikationsbedürfnisse – zum Beispiel der reibungslosen Gestaltung von Arbeitsabläufen, die für das Überleben unerlässlich sein konnte. Aus dieser Funktionalität resultierte einerseits ein verkürztes und primitives Sprachniveau. Höflichkeitsformen waren nicht üblich. Allein um nicht die Aufmerksamkeit und die häufig daraus resultierenden Misshandlungen durch Funktionshäftlinge oder Lagerwache auf sich zu ziehen, musste oft knapp und stichwortartig gesprochen werden.

Die Lagersprache [...] diente der Realisierung konkreter Kommunikationsbedürfnisse

Andererseits hatte die Verständigungsfunktion bei gleichzeitigem Fehlen einer Kodifizierung eine große Flexibilität der Lagersprache zur Folge. „Stellen wir uns zum Beispiel vor“, erklärt der ehemalige Häftling Adolf Gawalewicz, „dass sich ein polnischer, ein französischer und ein griechischer Häftling, die nebeneinander beim Ausheben eines Entwässerungsgrabens arbeiten, miteinander unterhalten wollen oder untereinander verständigen müssen. Es kann sein, dass die aus unterschiedlichen Sprachen entlehnten und häufig deformierten
und verdrehten Wörter, die es ihnen ermöglichten, sich zu verständigen, nie mehr in anderen Gesprächen wiederholt werden.“ Es ist nicht klar, inwieweit Lagersprache während der Lagerzeit der Stabilisierung von Identitäten und der Selbstbehauptung diente. Deutlich ist, dass die ehemaligen Häftlinge nach dem Krieg Begriffe der Lagersprache als Ausdruck von Identität und eigener Geschichte sowie als Mittel zur Herstellung von Gruppenkohärenz und Zugehörigkeit benutzten. Wenn also in der Funktion der Lagersprache als Mittel der Orientierung und Verständigung dort ein Bruch liegt, wo die Lagerzeit vorbei war, so bildet der Nachkriegsgebrauch eine Kontinuität, die Anknüpfungspunkte und damit wiederum Verständigungsmomente schafft, auch wenn die anderer Natur sein konnten als die im Lager. So ist es wenig erstaunlich, dass Elemente der Lagersprache durch die Erzählungen der ehemaligen Häftlinge Eingang in die Narrationen der Gedenkstättenguides und Wissenschaftler:innen fanden und so die Diskurse über die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung insgesamt beeinflussten. Der Wortschatz, auf den die Inhaftierten vor allem dann zurückgriffen, wenn sie über lagerrelevante Themen sprachen, spiegelt „sowohl in seiner Zusammensetzung, seiner Stilebene, seinem Ton als auch in den Bedeutungen seiner Wörter das Lager(leben)“ wieder. Er räumt die Möglichkeit ein, jenseits von der von Viktor Klemperer beschriebenen „Lingua Tertii Imperii“, welche die Haltungen, Intentionen und Erfahrungen der Täter:innen widerspiegelt, einen anderen sprachlich markierten Erfahrungsraum zu entdecken, nämlich den der Inhaftierten.


Drei Umstände beeinflussten die Auschwitzer Lagersprache maßgeblich:
     1) Die Verordnung der Lagerleitung, im Lager deutsch zu sprechen,
     2) das Fehlen von Deutschkenntnissen bei der Mehrheit der Inhaftierten sowie
     3) das Vorhandensein polnischer Sprachkenntnisse vieler Häftlinge.

Der aus dem Deutschen entlehnten Terminologie verlieh die Lagersprache oft nicht nur eine andere phonetische Struktur, sondern auch eine lagerspezifische Bedeutung. So bezeichnete der Begriff „eltester“ (vom deutschen „Ältester“) nicht etwa einen Häftling in fortgeschrittenem Lebensalter, sondern einen Funktionshäftling mit einem bestimmten Verantwortungsbereich, welcher durch den zweiten Teil einer Wortzusammensetzung spezifiziert wurde: „Stubeneltester“, „Blockeltester“, oder „Lagereltester“.
Auch der bereits erwähnte nationalsozialistische Sprachjargon mit seiner Vorliebe für verharmlosende, verschleiernde Bezeichnungen grausamer Praktiken prägte das Lagervokabular. Die in den Krematorien eingesetzte Arbeiterkolonne wurde nicht nur in der von der Lagerleitung und -administration genutzten Sprache, sondern auch in der Lagersprache „Sonderkommando“ genannt und die Ermordung von Häftlingen „Sonderbehandlung“. Diese Begriffe fanden nicht nur durch die ständige Nutzung seitens des Lagerpersonals Eingang in die Lagersprache, sondern auch in Form einer ironischen Reflexion des Sprachgebrauchs der Täter:innen durch die Häftlinge, für welche die euphemistischen Bezeichnungen natürlich keinerlei verschleiernden Charakter hatten.

Zahlreiche von der SS in den Lageralltag eingeführte Begriffe stammten aus dem deutschen Militärsprachjargon. So gab es im Kontext der Häftlingsarbeit Bezeichnungen wie „Außenkommando“, „Strafkolonne“ oder „Baubrigade“. Einige Begriffe bildeten die Basis für KZ-spezifische Wortschatz- und Wortbildungsstrukturen, wie beispielsweise die Bezeichnung „Block“ für eine Baracke und Wohneinheit im Lager. Dieses Lexem war Bestandteil von Bezeichnungen verschiedener Lagergebäude wie „durchfalblok“ und „kreceblok“ – Baracken, in denen Menschen mit Durchfallerkrankungen beziehungsweise Krätze von anderen isoliert wurden, aber auch anderen Komposita im gleichen lexikalischen Feld, wie „Blocksperre“ – das Verbot, die Wohnbaracke zu verlassen, oder „blokowy“ – für den Blockältesten, also den für eine Wohnbaracke verantwortlichen Funktionshäftling.

Da die meisten Häftlinge bei ihrer Inhaftierung kein Deutsch konnten, wurden Entlehnungen aus dem deutschen sowohl phonetisch angeglichen („ablezung“ – Ablösung; „firer“ – Führer), als auch in ihrer Schreibweise („apelplac“ – Appellplatz; „waszraum“ – Waschraum). Aufgrund der großen Zahl polnischsprachiger Häftlinge hatte die polnische Sprache nach der deutschen den größten Einfluss auf Lexik und Struktur der Auschwitzer Lagersprache. In den fünf Jahren, in denen das Lager bestand, wurden mehr als 130.000 polnische Staatsbürger:innen als Häftlinge registriert. Von den Jüdinnen und Juden, die ab 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden, stammten viele aus Polen oder waren vor dem Krieg aus Polen emigriert.
So wurden zahlreiche deutsche Begriffe mit polnischen Affixen versehen. Das galt für Substantive („aufzejerka“ – Aufseherin; „pufistka“ – Zwangssexarbeiterin im Lagerbordell) genauso wie Adjektive („folksdojczowskie“ – volksdeutsch, „sztubowy“ – Stubenältester) und Verben („przefilcować“ – jemanden filzen, durchsuchen). Deutsche Morpheme wurden in Komposita mit polnischen Morphemen eingebunden („himmelautostrada“ – Himmelsautobahn, Euphem für Ermordung; „oberbandyta“ – Oberbandit; „krypelfigur“ – Krüppelgestalt). Durch inkonsequente Übersetzungen von Lagertermini aus dem Deutschen kamen darüber hinaus phraseologische Hybride zustande, wie zum Beispiel „wysoki besuch“ – hoher Besuch oder „zrobić micenab“ – Grüßen durch Abnehmen der Mütze).

Besonders interessant sind Begriffe wie „szajshausbrygada“ (Scheißhausbrigade, Arbeitsgruppe, die die Latrinen säuberte) oder „szajsmajster“ (Scheißmeister, Funktionshäftling, der besagter Gruppe vorstand). Dem Deutschen entlehnt enthalten sie für die SS- und Verwaltungssprache charakteristische Morpheme, wie beispielsweise -brigade, -meister, die in einem Kontrast zu Morphemen aus einem vulgären Jargon stehen (Scheißhaus-, Scheiß-). Neben diesem Kontrast weist die polonisierte Schreibweise darauf hin, dass es sich um von Häftlingen gebildete ironisierende Neologismen handeln könnte, was wiederum Licht auf Humor im Konzentrationslager wirft. Aus dem Polnischen entlehnte Begriffe erhielten in der Lagersprache teilweise eine vom konventionellen Gebrauch abweichende Bedeutung, offenbar durch metaphorische Bezeichnungen, die als so treffend empfunden wurden, dass sie sich verselbstständigten. So kennt die Auschwitzer Lagersprache etwa den Begriff „blondynka“ (Blondine) für Laus. Besonders bekannt wurden die topografischen Bezeichnungen „meksyk“ (Mexiko) für den Lagerteil B III in Birkenau, in dem die Lebensverhältnisse überdurchschnittlich schlecht waren und „Kanada“ für die Lagergebäude, wo die persönliche Habe der Deportierten gesammelt wurde. Diese Begriffe reflektieren damals gängige stereotype Vorstellungen von armen und reichen Ländern. Letztere Bezeichnung könnte damit zusammenhängen, dass es bereits vor dem Krieg wirtschaftliche Emigration von Polen nach Kanada gab, dieses Land also für viele mit einem Traum von Wohlstand verbunden war.

Ausgehend von der Kennzeichnung jüdischer Lagerinsass:innen mit den Buchstaben A oder B vor der Häftlingsnummer etablierten sich die abschätzigen Bezeichnungen „arab“, pl. „araby“ (Araber, pl. Araber) und „beduin“, pl. „beduiny“ (Beduine, pl. Beduinen). Die korrekte Pluralform des polnischen Wortes „Arab“ wäre „Arabowie“; die Pluralform „araby“ hingegen bezeichnet im Polnischen Araberpferde, also Tiere und nicht Menschen. Nationale, kulturelle oder religiöse Gruppen aufgrund von physischen oder geistigen Charaktereigenschaften pejorativ zu benennen ist ein Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit. Die Benennung jüdischer Häftlinge mit Bezeichnungen kulturell weit entfernter, im Vorkriegspolen allgemein als primitiv angesehener Gruppen diente der Stigmatisierung und Ausgrenzung, auch wenn sich viele Häftlinge, die die Begriffe benutzten, dessen wahrscheinlich nicht bewusst waren.
In dieser Tradition steht auch die Bezeichnung „muzułman“ (Muselmann) für einen extrem erschöpften Häftling. Den in vielen Konzentrationslagern gebräuchlichen Begriff brachten offenbar Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen, die im Mai 1940 nach Auschwitz deportiert wurden, mit. Witold Doroszewski führt die Entstehung des Begriffs auf die Assoziation mit betenden Muslimen zurück, eine Erklärung, die auch andere ehemalige Häftlinge anführten. Dagegen wendet Mojżesz Altbauer ein, dass die Vorkriegslager im Dritten Reich, aus denen die deutschen Häftlinge den Begriff mitbrachten, noch keine derart körperlich ausgezehrten Häftlinge kannten wie die Lager nach 1939. „Muselmann“ sei viel mehr ein altes Berliner Slangwort im Kontext des seit Anfang des 20. Jahrhunderts verbreiteten Bildes vom „schwachen, kranken Türken“, welches auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Carl Gottlieb Hering verfassten Kinderkanon C-A-F-F-E-E beschworen wird. Entlehnungen aus dem Französischen, Italienischen, Jiddischen, Tschechischen, Slowakischen, Russischen, Griechischen oder Ungarischen vergrößern die Diversität und Komplexität der Lagersprache. Repräsentativ ist der in den Häftlingsgesellschaften verschiedener Lager verwendete, aus dem Italienischen stammende Begriff „Kapo“ für den Funktionshäftling, der eine Häftlingsgruppe bei der Arbeit anführte und antrieb. Wie auch andere weist die Präsenz dieses Begriffes auf das System der Privilegierung und der Verteilung von Funktionsposten unter den Häftlingen verschiedener Herkunft hin. Der Zusammenhang zwischen Privilegierung, Funktion und Einfluss auf der einen und Begriffsbildung auf der anderen Seite mag erklären, warum das Jiddische nur wenig Einfluss auf die Lagersprache genommen hat.

LEERSTELLEN UND LÜCKEN DER ÜBERLIEFERTEN LAGERSPRACHE

Lagersprache diente dem mündlichen Austausch und wurde nur selten schriftlich fixiert. Letzteres geschah, wenn Begriffe durch Häftlinge, die in der Lagerverwaltung arbeiteten, oder durch das Lagerpersonal in die administrative Sprache des Lagers einflossen oder Eingang in Briefe, Tagebücher, Memoiren, Erlebnisberichte und Zeitzeug:inneninterview fanden. Die meisten dieser Quellen entstanden nach dem Krieg, da es Häftlingen nicht erlaubt war, Papier zu besitzen, geschweige denn Briefe oder Tagebuch zu schreiben. Retrospektive Überlieferungen lassen Rückschlüsse auf die Terminologie zu, können aber den Sprachgebrauch im Lager nicht wiedergeben, da sie nicht gemäß ihren ursprünglichen Funktionen und häufig als Einzelausdrücke im Kontext einer anderen Sprache verwendet wurden.

Nichtwörtliche Sprachelemente sind durch den Bruch in der Überlieferung genauso wenig zugänglich wie die Gesprächsdynamik. Neben der hier beschriebenen Lagersprache gab es noch weitere Formen der Kommunikation, die Halt gaben und zwischenmenschliche Verbindungen ermöglichten. Selbstverständlich wurden alle Nationalsprachen genutzt, deren Träger:innen unter den Inhaftierten waren. Darüber hinaus gab es aber auch Dimensionen nonverbaler Kommunikation, wie es sie auch außerhalb des Lagers gab und gibt. Dazu gehörten Gesten und Handlungen, aber auch die Lokalisierung im Raum. So waren in den Wohneinheiten bestimmte Plätze besonders beliebt, andere wiederum unbeliebt. Häufig hatte das mit der Sicherheit dieser Orte zu tun. Ein Schlafplatz in der Nähe der Tür konnte einen Häftling zum ersten machen, den ein hereinkommender Funktionshäftling misshandelte, und damit eher unbeliebt sein. Ein unbeliebter Platz sagte etwas über den Platz des dort schlafenden Häftlings in der Hierarchie aus. Häftlinge, die in der Hierarchie aufstiegen, konnten sich bessere Plätze organisieren. Sicher war es auch nicht immer zufällig, neben wem ein Häftling schlief. So verschaffte ein Blick in den Raum Orientierung nicht nur hinsichtlich der Lokalität, sondern auch der sozialen Ordnung im Block. Da persönlicher Besitz von Häftlingen untersagt war, spielte der illegale oder von der Lagerwache geduldete Besitz materieller Gegenstände eine wesentliche Rolle in der lagerinternen Kommunikation. Bestes Beispiel hierfür ist die Kleidung. Die konventionelle Häftlingskleidung bestand aus Hose, Kittel und Mütze aus gestreiftem Stoff sowie aus nicht einheitlichen Schuhen. Bei der Verteilung wurde eher nicht nach Größe gefragt, so dass sich passende Kleidung später organisiert und ertauscht werden musste. Ein halbwegs passender Häftlingsanzug war bereits ein gewisses Statussymbol. Funktionshäftlingen war es vorbehalten, von den allgemeinen Kleidungsvorschriften abzuweichen, wobei diese Abweichung nicht festgesetzter Spielraum war, der ausgelotet werden musste – schließlich handelte es sich bei der Lockerung der Vorschrift nicht um ein geschriebenes Gesetz, sondern ein Privileg, das von der SS lediglich geduldet wurde. So wurde die Kleidung zu einem Objekt der Verständigung und Orientierung. Und zwar sowohl hinsichtlich des Auslotens des Handlungsspielraums eines Funktionshäftlings gegenüber der SS, wie auch auf Häftlingsebene: Kleidung zeigte, was sich ein Häftling gegenüber einem anderen herausnehmen konnte.

Neben der hier beschriebenen Lagersprache gab es noch weitere Formen der Kommunikation, die Halt gaben und zwischenmenschliche Verbindungen ermöglichten


Die nicht-sprachlichen Kommunikationsweisen, welche der Kennzeichnung von Hierarchie, dem Ausdruck von Individualität oder Verbindung, aber auch der Verständigung und Orientierung dienten, können einige Lücken füllen, welche das Studium der überlieferten Lagersprache hinterlässt und umgekehrt. Miteinander verbunden bilden Forschungen über Sprache und Materialität als Mittel der Kommunikation im Lager ein umfassendes, wenn auch immer noch unvollständiges Bild der Häftlingsgesellschaft und der Erfahrungen von Häftlingen von Auschwitz-Birkenau. Die größte Leerstelle der Lagersprache bildet selbstverständlich das Fehlen derer, die diese Sprache geschaffen und die sich an verbalen und nonverbalen Kommunikationsakten im Lager beteiligt haben. Die meisten Menschen, die mit der Lagersprache und Kommunikation in Auschwitz-Birkenau in Kontakt kamen, sie benutzten und prägten, haben nicht überlebt. Durch die getrennte Verbindung zwischen Sprache und ihren Sprecher:innen entsteht eine Dissoziation und Fragmentierung in der Kommunikationsgeschichte von Auschwitz-Birkenau.

Für die Trennung waren die nationalsozialistischen Gewalttaten verantwortlich. Die Tatsache, dass die Lagersprache vor allem in Tagebüchern, Erlebnisberichten und Zeitzeug:inneninterviews nach dem Krieg fixiert wurde, bedingt, dass diejenigen, die nicht überlebt haben, sich an der Überlieferung nicht beteiligen konnten. Diese geschah durch Häftlinge, die Auschwitz-Birkenau überlebt haben.1 Daher ist es nicht ausgeschlossen, dass unsere Kenntnisse über die Lagersprache von der Erfahrung einer Häftlingsgruppe geprägt ist, die unter anderem durch ihre privilegierte Stellung das Lager überleben konnte. Das mindert keineswegs das schwere Schicksal dieser Gruppe. Es erklärt aber, warum es beispielsweise wenig jüdische Beiträge in der Überlieferung der Auschwitzer Lagersprache gibt.
Nach Primo Levi charakterisiert dieser Unterschied und wie er zustande kommt die Essenz der Konzentrationslagererfahrung:

"Es erweist sich, daß es zwei ganz besonders klar voneinander geschiedene Kategorien von Menschen gibt, Gerettete und Untergegangene. [..] Diese Unterscheidung ist im normalen Leben längst nicht so augenfällig; hier kommt es nicht oft vor, daß ein Mensch sich verliert, denn für gewöhnlich ist er nicht allein, und sein Aufstieg wie sein Abstieg ist mit dem Schicksal seiner Mitmenschen verknüpft.
So stellt es eine Ausnahme dar, wenn jemand grenzenlos an Macht zunimmt oder in einem fort von Niederlage zu Niederlage bis zum Ruin hinabsinkt. Auch verfügt jeder für gewöhnlich über so viel geistige, körperliche und auch finanzielle Reserven, dass ein Schiffbruch, ein Versagen vor dem Leben noch weniger wahrscheinlich ist. Dazu kommt noch, dass durch Gesetz und moralisches Bewusstsein, durch das innere Gesetz also, ein merklicher Ausgleich geschaffen wird; in der Tat gilt ein Land für umso zivilisierter, je umsichtiger und wirksamer seine Gesetze sind, die den Elenden daran hindern, allzu elend zu sein, und den Mächtigen, allzu mächtig. Doch im Lager verhält sich das anders: Hier wird der Kampf um das Überleben ohne Erbarmen geführt, denn jeder ist verzweifelt und grausam allein."

Erfahrungen von Konzentrationslagerhaft sind von Gewalt, Getrenntsein, Verzweiflung und Tod geprägt. Sich damit zu verbinden, kann schmerzen, anstrengen und Widerstand hervorrufen, ganz egal, was für eine Sprache wir für diese Verbindung wählen.

1 Die signifikanteste Sammlung von Begriffen geht auf eine Umfrage unter polnischen, ehemaligen politischen Häftlingen zurück, die Stanislaw Klodzinski und seinen Kolleg:innen initiierten und die im Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau zugänglich ist.
2Ist das ein Mensch – Die Atempause (Originaltitel: Se questo e un uomo? – La tregua), München: Carl Hanser Verlag 1992. S. 48–49.

Falls Sie auf Begrifflichkeiten gestoßen sind, die Sie gerne noch einmal nachschlagen möchten, haben wir ein Glossar rund um die Themen der Neuproduktion Die Passagierin erstellt.

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Imke Hansen

Imke Hansen, 1978 in Dortmund geboren, ist promovierte Historikerin mit dem Schwerpunkt auf Osteuropäische Geschichte, Holocaust Studies und Oral History. Ihre bisherige Forschung brachte sie an die Universitäten Krakau, Minsk, Hamburg und Uppsala. Im Zentrum ihrer Forschung stehen individuelle und kollektive Gewalterfahrungen, Erinnerung und Trauma. Sie veröffentlichte neben wissenschaftlichen Abhandlungen u. a. Ereignis & Gedächtnis – Neue Perspektiven auf die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager (2014) und Nie wieder Auschwitz! 1945–1955 – Die Entstehung eines Symbols und der Alltag einer Gedenkstätte (2015). Als zivilgesellschaftliche Trainerin und Mentorin begleitet sie seit 2016 traumatisierte Menschen im ukrainischen Kriegsgebiet. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin der Organisation „Libereco“.

Die Passagierin

Oper in zwei Akten (Komposition 1968, konzertante Uraufführung 2006)