Zosia – so nannten wir sie – war eine echte Dame. Diese schöne Eigenschaft war keinesfalls ein Ausdruck von Snobismus, sie belegte vielmehr ihre Art, Menschen mit höchstem Respekt zu begegnen. Sie war eine wahre Christin in allen Belangen des Lebens. Güte prägte ihre Person in jeder Hinsicht: der Klang der Stimme, die Gestik, das Lächeln, der Gesang, die Rezitationen, das Weintrinken und Dankbarkeit. Sie geizte mit letzterer nicht.

Zosia strahlte immer Würde aus. Unter anderem dieser Tatsache verdankte sie es, dass sie Auschwitz überlebt hat. Der Aufenthalt im Lager hat ihr nicht die Menschlichkeit geraubt, ganz im Gegenteil, er veranlasste das damals zwanzigjährige Mädchen dazu, bei all jenen Werten Zuflucht zu suchen, die sie in der Erziehung mitbekommen hatte. Konfrontiert mit den unmenschlichen Bedingungen des Lagers, vermochte sie eine doppelte Menschlichkeit in sich zu entdecken. Das hat sie gerettet. Es ist schwer, jemanden umzubringen, den man achtet. Deshalb war und ist bei allen Völkermorden die Entmenschlichung des Opfers immer der Anfang.

Ich habe Bücher, Filme und Texte mit mehreren Auschwitz-Häftlingen gemacht. Und habe gerade dabei entdeckt, welche Kraft das „Syndrom der Würde” entfaltet. Überlebt haben nur die Häftlinge – günstige Umstände und eine Prise Glück vorausgesetzt –, die sich nicht der Hoffnungslosigkeit ergaben und ein Gespür für das in sich hatten, was höheren Wert besitzt als das Leben. Bei Zosia Posmysz waren das die Religion und der unerschütterliche, unter diesen schrecklichen Bedingungen verblüffende Glaube an den Menschen. Zosia war die geborene Schriftstellerin. In ihren Büchern konnte sie ihre Gefühle am besten zum Ausdruck bringen, konnte Erinnerungen und Reflexionen verarbeiten. Ihr literarischer Kult-Titel ist natürlich Die Passagierin. Selten hat ein Text eine derart reichhaltige Geschichte. Zuerst entstand das Hörspiel, später das Filmdrehbuch, dann der Roman und am Ende das Libretto. Der Handlung lag etwas zugrunde, was absolut neu war für die Lagerliteratur, in der bislang immer die Opfer die Hauptfiguren gewesen waren. Täter:innen waren dort nur als Verursacher des Leids vorgekommen. Zosia ging das Thema von der anderen Seite an, sie machte die Täterin zur Hauptfigur ihrer Geschichte, und das brachte ihr viele Unannehmlichkeiten und Vorwürfe ein. Bis hin zu dem Vorwurf, sie versuche, den Mörder: innen menschliche Züge zu verleihen.

Nach dem Krieg verfolgte Zosia aufmerksam die Nazi-Prozesse und wartete darauf, dass der Name von Anneliese Franz auftauche, ihrer Aufseherin, die in dem Roman als Lisa erscheint. Als Zeugin aufgerufen, hätte sie aussagen wollen, dass diese Frau in SS-Diensten sich ihr gegenüber anständig verhalten habe, dass sie – anders als ihre Schwester, eine pure Sadistin – lediglich emotionslos versuchte, die Lagervorschriften durchzusetzen.

Anneliese Franz wurde nie gefunden, deshalb ging Zosia in ihrem Roman auf die „Suche“ nach ihr, versuchte, sie aus der Perspektive einer freien Frau zu betrachten und ihre Gefühle zu ordnen. Als wahre Christin war sie nicht auf Rache aus. Sie wollte verstehen. Sie wollte von der Häftlingsfrau, die Befehle ausführen und schweigen musste, solange sie nicht gefragt wurde, zu einer Person werden, die ihre Gefühle zeigen kann und in voller Freiheit an der Nazi- Aufseherin vorbeigehen kann. Marta, Zosias Avatar in dem Roman, verkörpert in der Passagierin Freiheit und Unabhängigkeit. Sie hat sich von Auschwitz befreit. Lisa dagegen, die ihre ehemalige Gefangene erkennt, wird zum Opfer der eigenen Erinnerung. Ihr Verhalten ist geradezu hysterisch. Einerseits fürchtet sie die Entdeckung, andererseits hat sie Angst vor der Erinnerung der „ anderen“ an sie. Zosia – und das ist typisch für sie – sucht in Anneliese Franz den Menschen, der zu Gewissensbissen fähig wäre.

Die Passagierin ist eine humanistische Erzählung. Eine wichtige Rolle darin spielt die Geschichte, diese albtraumhafte Maschinerie, die mit den Menschen spielt, sie zu Opfern oder zu Henker:innen macht. Der Roman ist um ein Vielfaches reicher als das Opernlibretto. Er enthält wichtige Überlegungen zur verkommenen Geschichte der menschlichen Natur:

„Ich glaube Ihnen, dass Sie in Westdeutschland Leuten begegnet sind, die allzugern vergessen haben, wer die Welt in jenes Jahr 1939 getrieben hat, das mehrere zehn Millionen Tote zur Folge hatte. Diese Leute sprechen von dem Unrecht, das den Deutschen zugefügt wurde, und, was noch schlimmer ist, sie sind von diesem Unrecht ehrlich überzeugt. Und ich bin mit Ihnen einverstanden, dass dies ein idealer Nährboden für neue berauschende Ideen ist, für die – wie Sie sagen – die mit Mystizismus infizierte deutsche Seele so sehr empfänglich ist. “

 

Zofia Posmysz starb in einem Hospiz in Auschwitz, einer Einrichtung, die einen würdigen Tod symbolisiert. Es befindet sich in der Nähe des Lagers, in dem der Tod so gut wie gar nichts galt. Mit Zosia, Wilhelm Brasse, August Kowalczyk, Józef Paczyński und vielen anderen ist die Generation der Zeug:innen ausgestorben. Was von ihren Erinnerungen festgehalten werden konnte, ist von unschätzbarem Wert. Diese Zeugnisse zeigen den Menschen, wie er dem Experiment des Bösen ausgesetzt wurde. Was sie vermitteln, wird für immer Warnung bleiben. „Der Mensch weiß nicht, wer er ist, solange das Leben ihn nicht von jeder Seite geprüft hat“, sagt ein treffendes Wort. Was Mensch an diesen Häftlingen war, wurde einer tiefgehenden Probe unterzogen. Trotz dem, was sie erlebt hatten, waren sie nicht traumatisiert, sie wirkten sogar stark und fähig zur Freude. Alle Häftlinge von Auschwitz, die ich das Glück hatte kennenzulernen, machten den Eindruck von Menschen, die reicher und tiefer geworden waren. Eine wichtige Rolle für ihre Haltung spielte das Bewusstsein, Zeugnis ablegen zu müssen. Sie schonten sich nie. Zosia Posmysz konnte – mit 90 Jahren! – eine mehrstündige Begegnung mit deutschen Jugendlichen in Auschwitz absolvieren und sich dann am Nachmittag mit Studenten der Jagiellonen-Universität in Krakau treffen.

Falls Sie auf Begrifflichkeiten gestoßen sind, die Sie gerne noch einmal nachschlagen möchten, haben wir ein Glossar rund um die Themen der Neuproduktion Die Passagierin erstellt.

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© Rafal Sosin

Maria Anna Potocka

Maria Anna Potocka, 1950 in Paczków (nahe Breslau) geboren, ist Kunstphilosophin und Kuratorin. Sie ist Mitglied der Association Internationale des Critiques d’Art (AICA), wo sie von 1996–2003 die polnische Sektion leitete. Potocka veröffentlichte mehrere kunstphilosophische Bücher, u. a. Malerei (1995), Ästhetik gegen die Kunst (2006), Es ist nur Kunst (2008) und Politischer Unfall (2010). Ab 2002 war sie Direktorin des Bunkier Sztuki in Krakau. Seit 2010 ist sie Direktorin des Museums für zeitgenössische Kunst in Krakau (MOCAK). Sie arbeitete in dieser Zeit eng mit mehreren Zeitzeug:innen, die die Shoah überlebten, zusammen und veröffentlichte ihre Geschichten: u. a. Wilhelm Brasse. Fotograf 3444. Auschwitz 1940–1945 (2012) und Zofia Posmysz. Die Schreiberin 7566. Auschwitz 1942–1945 (2019).

Die Passagierin

Oper in zwei Akten (Komposition 1968, konzertante Uraufführung 2006)