Wir bleiben ein Rätsel

Ein Gespräch mit Jetske Mijnssen und Hannu Lintu

Fotografie aus der Serie Pathêmes von Marcelo Gomes.

AB Ariane Bliss – Dramaturgie
JM Jetske Mijnssen – Regie
HL Hannu Lintu – Musikalische Leitung

AB    Was war die überraschendste Erkenntnis, als Sie begonnen haben, sich mit Pelléas et Mélisande zu beschäftigen?

JM     Ich habe die Oper schon oft gesehen und fand sie immer sehr undurchsichtig. Aber als ich angefangen habe, Libretto und Musik genau zu lesen, ist mir klargeworden, dass zwischen den Figuren sehr menschliche, klare Vorgänge stattfinden. Ich habe begonnen, diese Menschen und ihre Beziehungen zu verstehen. Denn darum geht es mir beim Inszenieren immer: Ich möchte spüren, was die Figuren treibt und wer sie sind. Da spielen in Pelléas et Mélisande Text und Musik wirklich zusammen, Maeterlinck und Debussy schaffen komplexe Psychogramme von den einzelnen Menschen und ihrer ganzen Familie.

HL     Ich dachte immer, ich kenne das Stück, auch wenn ich es noch nicht dirigiert hatte. Aber dann habe ich die Partitur durchgearbeitet und gemerkt, wie unglaublich komplex sie ist: Sie besteht aus so vielen kleinen Details …

AB     Wo liegen die Herausforderungen für den Dirigenten?

HL Die Aufgabe des Dirigenten bei Pelléas et Mélisande besteht darin, diese sehr fragmentarische Musik, die vielen kleinen musikalischen Gesten zu einem Ganzen zusammenzufügen. Die Partitur ist sehr vertikal organisiert, aber man muss sie horizontal klingen lassen, man muss Fluss und Kontinuität hineinbringen. Jede Szene besteht aus vielen kleinen Bausteinen, und die einzelnen Szenen sind wiederum die Bausteine für den ganzen Abend. Der Abend darf aber keine Nummernfolge werden: Szene, Zwischenspiel, Szene, Zwischenspiel … Man muss einen großen Bogen herstellen, und zwar mit dem Orchester. Denn anders als zum Beispiel bei Verdi, bei dem der Gesang immer das Wichtigste sind, ist Pelléas et Mélisande fast so etwas wie eine Orchesterfantasie, bei der auch Sängerinnen und Sänger dabei sind. Es gibt unter der Oberfläche einen großen kontinuierlichen Strom, und man darf sich nicht zu sehr an den Details aufhalten, sonst kommt er ins Stocken. Das Entscheidende ist zu priorisieren, was von den vielen Kleinigkeiten wichtig für mich als Dirigenten ist, was wichtig für die Sängerinnen und Sänger ist, und dann alles klug zusammenzubinden.

JM     Das Fragmentarische gilt auch für die Handlung: Für die Familie auf der Bühne gibt es eine durchgehende Geschichte, aber wir als Publikum können nur hier und da einen kurzen Blick auf die Ereignisse werfen. Dann geht es ohne uns weiter, und erst erst viel später dürfen wir wieder kurz dazukommen.

AB     Debussy folgt dem Text von Maeterlinck, der nicht als Opernlibretto verfasst wurde, ganz genau. Daraus resultiert eine besondere Behandlung der Gesangslinien: Es gibt einen durchgehenden Fluss im Dialog, niemals das große gesangliche Innehalten, kein Liebesduett. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

JM     Pelléas et Mélisande ist gewissermaßen auch als Oper ein Schauspiel geblieben, mit Dialogen, die einem natürlichen Sprachrhythmus folgen. Mir fällt keine vergleichbare Oper ein, selbst Debussy hat ja nur diese eine Oper geschrieben. Zum Glück haben wir Sängerinnen und Sänger, die alle auch hervorragend spielen können. Ich jedenfalls habe bislang bei den Proben die nicht vorhandenen Arien noch nicht vermisst.

HL     Es ist interessant, dass in dieser Oper, deren großes Thema die scheiternde zwischenmenschliche Kommunikation ist, immer mindestens zwei Figuren auf der Bühne stehen, dass nie jemand allein seinen Gefühlen Ausdruck verleiht. Die einzige Oper mit einer vergleichbaren Struktur, die mir einfällt, ist Alban Bergs Wozzeck. Und beide zusammen sind vielleicht die Werke, die die Oper ins zwanzigste Jahrhundert geführt haben. Richard Wagner hat in der Harmonik eine riesige Entwicklung angestoßen und das Konzept von Musiktheater neu gedacht, aber nach ihm haben Wozzeck und Pelléas et Mélisande gezeigt, was die Oper der Moderne sein kann.

AB     In welcher Welt siedeln der Bühnen- und Kostümbildner Ben Baur und Sie die Oper an?

JM Wir wollten unsere Figuren wirklich verstehen und verständlich machen. Dabei haben wir schnell gemerkt, dass das Werk für uns untrennbar mit seiner Entstehungszeit verknüpft ist. In unserer Inszenierung spielt Pelléas et Mélisande deshalb in der Zeit der Uraufführung der Oper 1902 und in einer großbürgerlichen Umgebung statt an typischen Märchenorten und in einer märchenhaft-unkonkreten Vergangenheit. Dieses 1902 ist bei uns eine verklemmte Welt mit strengen Regeln und hochgeschlossenen Kleidern. Aber es ist doch auch schon das zwanzigste Jahrhundert, die Zeit, in der meine Urgroßeltern gelebt haben. Das ist gar nicht so weit weg von uns.

AB     Gleichzeitig haben Sie sich entschieden, alle Szenen in Innenräumen spielen zu lassen. Wo ist die Natur geblieben?

JM     Die Natur spielt natürlich im Stück eine große Rolle, aber immer als Symbol für die Innenwelt der Figuren. Wir haben uns also gefragt: Wie kann man das, wofür die Natur steht, in soziale Situationen übersetzen? Ganz zu Beginn zum Beispiel treffen sich bei Maeterlinck Mélisande und Golaud verirrt und einsam im Wald. Wir haben uns gefragt, was für uns der einsamste Ort der Welt sein könnte, und wir kamen auf ein großes Fest, bei dem alle tanzen und fröhlich sind – nur du stehst allein herum und bist kein Teil von all der Fröhlichkeit. In dieser Situation finden die beiden Einsamen einander bei uns. Auch in der Szene mit der Grotte am Ende des zweiten Akts geht es den Autoren ja nicht um die Beschreibung einer schönen Grotte, sondern um eine Situation, die etwas aussagt über Pelléas und Mélisande und ihr Verhältnis zueinander. Bei uns wird eine liebevolle, spielerische Szene daraus: Pelléas möchte Mélisande ablenken von dem Streit, der eben wegen des verschwundenen Eherings zwischen ihr und Golaud stattgefunden hat, und er erfindet ihr eine Grotte. Da verstehe ich auf einmal, was die Figuren antreibt, was sie voneinander wollen.

AB     Als Golaud Mélisande kennenlernt, weigert sie sich, seine Fragen zu ihrer Vergangenheit zu beantworten. Wir erfahren bis zum Schluss kaum etwas über sie. Wer ist Mélisande für Sie?

HL     Das Einzige, das man immer wieder über sie erfährt, ist, dass sie unglücklich ist. Auch in ihrer Musik hört man, dass sie nicht glücklich ist: Sie hat ganz kurze Phrasen, und was sie sagt, sagt sie oft sehr schnell. So reden Menschen, die gar nicht da sein wollen. Mélisande kam mir immer genauso unreal vor wie die anderen Figuren: Sie sind alle ein Symbol für irgendetwas, Mélisande vielleicht ein Symbol für den Anteil in jedem von uns, der nicht glücklich ist. Aber in unserer Inszenierung ist sie kein Symbol, sondern wird zu einem lebendigen Menschen. Vielleicht gelingt es uns, sie ein wenig verständlicher zu machen. Aber es muss auch ein Anteil an Rätsel bleiben.

JM     Ganz am Ende sagt Arkel einen wichtigen Satz über Mélisande: „Sie war ein armes, kleines, rätselhaftes Wesen“ und – und das ist entscheidend – „wie wir alle“. Das ist für mich der Kern dieser Oper: dass wir für die anderen ein Rätsel bleiben und sogar für uns selber. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Mélisande nicht von den anderen Figuren: Alle Figuren sind rätselhaft, alle tragen ein Geheimnis mit sich herum, bei jedem ist in der Vergangenheit etwas passiert. Das wird nur ganz leise angedeutet: Pelléas möchte immer weg, möchte immer reisen, aber er geht nie. Geneviève muss eine schwere Zeit gehabt haben, als sie damals in dieses Haus eingeheiratet hat. Golauds erste Frau ist gestorben, und wenn man sieht, wie sein Großvater Arkel mit ihm umgeht, dann versteht man seine seelischen Narben besser. Die Nerven liegen blank in dieser Familie. Mélisande ist von allen die rätselhafteste, weil sie „gefunden wird“, weil sie am Anfang diese Krone hat und wir nicht erfahren, was ihr passiert ist. Ich will nicht erklären, was mit ihr los ist, aber ich will zeigen, dass etwas mit ihr los ist. Keine der Figuren ist böse, jede versucht auf ihre Weise, etwas Gutes zu tun im Leben, aber es geht furchtbar schief.

HL     Am Anfang mag Golaud fasziniert davon gewesen sein, nichts über sie zu wissen. Aber dann schleicht sich dieses nagende Gefühl ein: Warum finde ich nichts über sie heraus? Natürlich ist er eifersüchtig auf Pelléas, aber er ist auch frustriert, weil er seine Frau nicht versteht.

JM     Die beiden, und nicht nur diese beiden, reden ja permanent aneinander vorbei – Golaud fragt: Wie alt bist du? und Mélisande sagt: Mir wird kalt … Ganz am Ende versucht er es noch einmal: Sag mir die Wahrheit, sag mir endlich die Wahrheit! Aber sie verweigert es ihm bis zum Schluss. Oder sie öffnet sich ihm, aber er merkt es nicht. Das ist so berührend menschlich …

AB     Pelléas und Golaud: Wie unterscheiden sich diese Brüder musikalisch, wie sind sie charakterisiert?

HL     Bemerkenswert ist, dass man Pelléas mit einem Tenor oder mit einem Bariton besetzen kann, das gibt es nicht oft in der Operngeschichte bei einer Titelpartie. Wenn Pelléas wie bei uns ein Tenor ist, dann klingt die Figur wie von selber jugendlicher, auch offener, denn die Stimme ist heller, sie dringt besser durchs Orchester. Golaud ist ein Bariton, und ein Bariton mischt sich mehr mit dem Orchester, er versteckt sich leicht ein wenig. Was die musikalische Sprache ihrer Partien angeht: Pelléas’ Partie ist gesanglicher geschrieben, horizontaler, seine Motive haben mehr Melodie. Golauds Partie geht mehr von den Worten aus.

AB     In Ihrer Inszenierung ist Pelléas ein Maler. Wer ist Golaud?

JM     Diese beiden Brüder sind sehr unterschiedliche Männer: Pelléas konnte Maler werden, denn er ist der jüngere Bruder. Er geht ziemlich unbekümmert durchs Leben, er ist verspielt, er hat Fantasie. Ganz sorglos ist aber auch er nicht: Er hat Angst um einen kranken Freund, und er hat diese Sehnsucht fortzureisen, was ihm bis zuletzt nicht gelingt. Golaud dagegen ist Thronfolger von Beruf. Er ist der älteste Sohn, der alle Verantwortung hat und keinerlei Freiraum. Er ist eingesperrt in dieser Familie. Nur einen einzigen rebellischen Moment hat er, und diese Entscheidung stellt sich als falsch heraus: Er ist von Arkel geschickt worden, eine Prinzessin Ursula zu heiraten, und stattdessen kommt er mit genau der zurück, die er niemals hätte mitbringen sollen. Von da an geht alles fürchterlich schief. Wenn sie da sitzen und Golauds Brief vorlesen, in dem er seiner Familie mitteilt, dass er Mélisande geheiratet hat, dann möchte man ihnen zurufen: schlechte Neuigkeiten, ganz schlechte Neuigkeiten!

AB     Gibt es noch etwas, das Sie einer der Figuren gerne sagen würden?

JM     Ich würde gerne Yniold trösten, dieses kleine Kind, das auch schon in den Mustern dieser Familie feststeckt. Ich würde ihm gerne Mut zusprechen, damit er die Kraft findet, aus diesen Mustern auszubrechen.

HL     Man würde ihnen allen gerne so viel sagen: Arkel, hör auf, Weisheiten in deinen Bart zu murmeln, und tu etwas für deine Familie! Pelléas, nimm dein Leben in die Hand und geh endlich fort! Golaud, sei nicht so hart, auch nicht mit dir selber! Man könnte ihnen so viel sagen, aber es würde sie nicht erreichen …

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Jetske Mijnssen

Jetske Mijnssen, geboren in Nijmegen, studierte niederländische Literatur an der Universität Amsterdam und absolvierte anschließend an der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten (AHK) ihre Regie-Ausbildung mit dem Schwerpunkt Oper. Mit ihrer Neuproduktion von Pelléas et Mélisande im Rahmen der Opernfestspiele 2024 feiert sie ihr Debüt an der Bayerischen Staatsoper.

Hannu Lintu

Hannu Lintu studierte an der Sibelius-Akademie in Helsinki und war u. a. Chefdirigent des Finnischen Radio-Sinfonieorchesters. Seit 2021 ist er Chefdirigent der Finnischen Nationaloper in Helsinki, seit 2023 zusätzlich Chefdirigent des Orquestra Gulbenkian in Lissabon. Mit der Neuproduktion Pelléas und Mélisande bei den Opernfestspielen 2024 debütiert Hannu Lintu an der Bayerischen Staatsoper. 

PELLÉas ET MÉLISANDE

Drame lyrique in fünf Akten (1902)