Festrede von Jeff Koons zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele
Dauer ca. 1 Stunden 30 Minuten
Während der Theaterferien sind die Tageskasse, der telefonische Kartenverkauf sowie das Abonnementbüro vom 1. August bis einschließlich 31. August 2026 geschlossen. Schriftliche Bestellungen werden weiterhin bearbeitet. Auch online können Sie weiterhin Karten erwerben.
Festrede von Jeff Koons zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele
Dauer ca. 1 Stunden 30 Minuten

Zum Anlass des 150. Jubiläums der Münchner Opernfestspiele wurde im vergangenen Jahr an die einstige Haustradition einer Eröffnungsrede angeknüpft: Im Rahmen eines großen Festakts im Nationaltheater hielt Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, die Festrede. Auch 2026 werden die Festspiele wieder mit einer Festrede eröffnet, die der international akklamierte Künstler Jeff Koons in englischer Sprache im Prinzregententheater halten wird.
Richard Wagner (1813–1883)
Vorspiel zu Tristan und Isolde
(Bearbeitung für 2 Violinen, Viola, 2 Violoncelli, Kontrabass und Klavier
von Engelbert Humperdinck)
Begrüßung
Staatsintendant Serge Dorny
Grußwort
Staatsminister Markus Blume, MdL
Irving Berlin (1888–1989)
Puttin’ on the Ritz
(Bearbeitung für Blechbläserquintett von Stephen Robert)
Kurt Weill (1900–1950)
„Speak Low“ aus dem Musical One Touch of Venus (Text: Ogden Nash)
Margaret Bonds (1913–1972)
I, Too (Text: Langston Hughes)
Florence Price (1887–1953)
Song to the Dark Virgin (Text: Langston Hughes)
Howard Swanson (1907–1978)
The Negro Speaks of Rivers (Text: Langston Hughes)
George Gershwin (1898–1937)
„I Got Rhythm“ aus dem Musical Girl Crazy (Text: Ira Gershwin)
Festrede
Jeff Koons
Erich Wolfgang Korngold (1897–1957)
„Mein Sehnen, mein Wähnen“. Arie des Fritz aus Die tote Stadt (Text: Paul Schott)
Richard Strauss (1864–1949)
Vorspiel (Streichsextett) aus Capriccio
Ich möchte mich bei allen Beteiligten der Münchner Opernfestspiele dafür bedanken, dass sie mich eingeladen haben, um heute Abend zu Ihnen, verehrte Gäste und Freunde, zu sprechen. Mein besonderer Dank gilt Staatsintendant Serge Dorny.
Es ist eine große Ehre, hier in diesem prächtigen, historischen Opernhaus zu stehen, das so viele bedeutende Momente in der Geschichte der Oper, des Theaters und des Balletts miterlebt hat. Mein erstes Opernerlebnis in München verdanke ich einer Einladung meiner Freundin und Galeristin Ileana Sonnabend. Zu Lebzeiten war Ileana eine leidenschaftliche Opernliebhaberin, und jeden Sommer reiste sie nach München, um Aufführungen zu besuchen.
Schon immer habe ich die deutsche Kultur geliebt. Schon immer hat mich die Verbundenheit der Deutschen mit ihrer eigenen Kultur, ihre Offenheit gegenüber der Kunst und ihr tiefes Bewusstsein für ihre Umwelt fasziniert.
Heute hier zu sein, im ehrwürdigen Bau des Prinzregententheaters, ist unglaublich inspirierend. Wenn ich auf meinen eigenen Weg durch die Kunstwelt zurückblicke, denke ich ans allmähliche Verstehen und Werden, die Freude in mein Leben gebracht haben. Ich bin in York, Pennsylvania, in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, wo es eine große deutsche Bevölkerung gibt, und schon von klein auf fühlte ich mich bestimmten intellektuellen und physischen Aspekten der deutschen Kultur sehr verbunden. Ein Beispiel dafür wäre die Kristallglaskugel. Glaskugeln wurden im 13. Jahrhundert in Venedig erfunden und im Deutschland des 19. Jahrhunderts durch König Ludwig II. wieder populär gemacht. Für mich steht die Glaskugel, eine Gartendekoration, aufgrund ihrer spiegelnden Oberfläche für extreme Großzügigkeit, da sie dem Betrachter mitteilt, wo er sich in diesem Moment im Universum befindet. Schon in meiner Kindheit erlebte ich, einfach nur beim Spazierengehen in meiner Nachbarschaft, einen Aspekt der deutschen Kultur, dem ich bis heute eine tiefe Bedeutung beimesse.
Während meiner Kindheit entwickelte ich mein Selbstbewusstsein durch die Kunst. Meine Eltern unterstützten mein Interesse an der Kunst sehr und ermöglichten mir privaten Kunstunterricht. Als ich in der ersten Klasse war, lernte ich, dass man durch die Kunst Hindernisse überwinden kann. Meine Kunstlehrerin, Mrs. Miller, hatte nur eine Hand. Durch sie lernte ich, dass man jedes Hindernis im Leben überwinden kann. In der High School verpasste ich nie den Kunstunterricht, und als es Zeit wurde, aufs College zu gehen, hatte ich das Gefühl, dass das Einzige, worauf ich wirklich vorbereitet war, der Besuch einer Kunsthochschule war.
Schließlich besuchte ich eine Kunsthochschule in Baltimore, Maryland. Am ersten Tag meines Studiums hatte ich meine erste Vorlesung in Kunstgeschichte, und das war ein Moment, der mein Leben veränderte. Mein Kunstgeschichtsdozent zeigte ein Bild von Manets Olympia auf der Leinwand und begann darüber zu sprechen, wie im Frankreich des 19. Jahrhunderts die schwarze Katze in der rechten unteren Ecke des Gemäldes als Symbol für Olympias Promiskuität galt. Oder darüber, wie die Frau, die Olympia einen Blumenstrauß überreicht, andeutet, dass es sich bei der Dargestellten um eine Kurtisane handelt. Oder auch darüber, dass die provokante Haltung von Olympia, die liegend ihren Blick auf den Betrachter richtet, auf Goyas Maya verweist.
In diesem Moment fühlte ich mich als der glücklichste Mensch im Raum, denn mir wurde klar, dass Kunst alle Disziplinen mühelos miteinander verbindet. Ich konnte mich mit Philosophie, Psychologie, Soziologie, Theologie, Ästhetik, den Naturwissenschaften – einfach allen Disziplinen – beschäftigen, und bis heute wache ich keinen einzigen Tag auf, ohne dieselbe Begeisterung für das Leben zu verspüren und die Kraft zu spüren, die die Kunst jeden Tag in unser Leben bringen kann.
Bis dahin war Kunst für mich eine Tätigkeit, die mir Angst bereitete. Bis dahin hatte ich Kunst als eine Tätigkeit betrachtet, die man ausüben musste. Ich dachte, es gäbe bestimmte Regeln, die ich lernen und befolgen müsse, dass es darum ginge, verschiedene Techniken und Anforderungen zu beherrschen. Doch nach diesem Moment verstand ich Kunst als ein Mittel, das uns mit dem gesamten menschlichen Wissen verbindet.
Im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass Kunst Erleuchtung bringen und jeden einzelnen von uns dazu ermutigen kann, unsere Interessen zu erkunden, um großartigere Menschen zu werden. Mir wurde klar, dass das Wichtigste für mich die Macht der Erkenntnis war, alles in seinem eigenen Dasein als gegeben anzuerkennen und Vorurteile und Hierarchien abzulegen. Wenn wir dazu erzogen werden, an Hierarchien zu glauben, wird alles zu etwas, worüber man ein spezielles Wissen haben muss, um überhaupt daran teilhaben zu können. Hierarchien können dazu führen, dass man Kultur als etwas ansieht, das nur der Selbstveredelung dient. Sobald man Akzeptanz übt, werden alle Hierarchien aufgehoben.
Um an diesen Punkt zu gelangen, musste ich mich selbst wirklich annehmen, obwohl ich mir meiner menschlichen Unvollkommenheiten bewusst war. Sobald man sich selbst aufrichtig akzeptiert, hat man das Selbstvertrauen und die Neugier, sich der Welt zu öffnen. Der letzte Ort, an dem man sein möchte, ist nur in einem selbst, und automatisch beginnt man, sich zu öffnen, wie sich eine Muschelschale öffnet. Alles in der Außenwelt wird zu Ausgangsmaterial, das man nutzen und auf irgendeine Weise für die eigene Selbstermächtigung einbeziehen kann. Indem man Selbstakzeptanz übt, beseitigt man jegliche Schuldgefühle und Scham, die man vielleicht hat, und kann sich daher öffnen, um alles als in sich selbst vollkommen zu akzeptieren. Diese Selbstermächtigung steht uns allen offen. Man muss der Kunst niemals etwas anderes mitbringen als sich selbst in diesem Moment.
Alles um uns herum, wohin wir auch schauen, ist Kultur. Wir könnten jedes Objekt, jede Textur oder jedes Bild in diesem Raum betrachten, und alles ist bereits da und nimmt auf derselben Ebene an Bedeutung teil. Es gibt bestimmte Momente in unserem Leben, in denen wir vielleicht das Gefühl haben, dass etwas weniger bedeutungsvoll ist, aber das heißt nicht, dass es an sich weniger relevant ist. Wenn wir Vorurteile und Hierarchien aufheben, öffnen wir uns dafür, die gesamte uns umgebende Kultur zu sehen und zu erleben.
Ich bin sehr stolz darauf, sagen zu können, dass ich eine Zeit lang, von Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre, einen Großteil meiner Zeit hier in München verbracht habe. Ich nutzte die Stadt als meine Basis, arbeitete dort und beaufsichtigte die Entstehung meiner Kunstwerke, die von Handwerkern aus der Umgebung angefertigt wurden.
Ich versuchte, die Energie Münchens auf ähnliche Weise wie Marcel Duchamp zu nutzen. Als Duchamp nach München kam und die Bayerische Gewerbeschau besuchte, ließ er sich von all den industriellen Objekten auf der Messe inspirieren. Diese Erfahrung brachte ihn dazu, das Konzept des Ready-made zu entwickeln. Auch ich war fasziniert und verzaubert vom kulturellen Dialog der Stadt.
Durch das Spazieren in Münchens Straßen, den Besuch der prunkvollen Gebäude neben der Oper, der Geschäfte und Souvenirläden der Stadt und später durch die Zusammenarbeit mit den Handwerkern Südbayerns und Norditaliens sowie durch das Betrachten ihrer Werke, gelang es mir, das Konzept und die Vision für meine Banality-Serie zu entwickeln. Ich stellte fest, dass die Kunstwerke der Serie in dieser Umgebung so intuitiv und mühelos zusammenfanden. Ich erlebte völlige Akzeptanz, und indem ich mich von jeglichem Urteil befreite, fand ich Kraft.
Ich habe Werke wie Ushering in Banality, Winter Bears, Pink Panther und Amore entworfen. Diese Kunstwerke hatten eine spirituelle und sinnliche Qualität, manche durch ein lebendiges Material, andere dadurch, dass sie aus Porzellan gefertigt waren. Beide vermittelten ein Gefühl extremer Zugänglichkeit. Traditionell findet man in südbayerischen Kirchen Heiligenfiguren, Engel und dekorative architektonische Elemente, die aus Holz geschnitzt sind, und Aspekte davon habe ich in meine Arbeit einfließen lassen. In Deutschland wurde die Tradition der Polychromie von der Antike über Mittelalter und Barock bis in die Gegenwart fortgeführt, aufgrund des mystischen Dialogs, der zwischen dem Belebten und dem Unbelebten entsteht.
Ich habe versucht, in meinen Kunstwerken die deutsche Tradition einzufangen, das Spirituelle in das Sinnliche einzubetten und Leidenschaften und Freuden in die Werke einfließen zu lassen. Sich physisch mit der Natur zu beschäftigen bedeutet, die spirituellen Aspekte des Lebens zu berühren.
Die deutsche Kunst, Architektur und Landschaft zeugen von einem Verständnis für die Bedeutung der Kultur im Alltag, von Bauernhäusern bis hin zu Schlössern in den bayerischen Alpen, die an unglaubliche Wagnerische Welten erinnern. Man kann in einem See schwimmen und gleichzeitig die Pracht schneebedeckter Berge bewundern. Die Erhabenheit der Natur bildet den Rahmen für Gefühle und Empfindungen.
In gewisser Weise erlebe ich immer wieder meine eigenen Wagnerischen Momente. Während meiner Arbeit in Bayern sah ich Kühe mit Blumenkränzen und großen Kuhglocken. Es war ein Fest der fruchtbaren Natur und zugleich der Leidenschaften und der Zukunftsperspektiven des Menschen, der sich seiner Umgebung bewusst ist und zu seinen Sehnsüchten erwacht ist.
Kultur verlangt nie etwas von uns, denn sie ist schlicht unsere Verbindung mit der Welt. Das Leben besteht aus unseren Interaktionen mit unserer Umgebung. Um dies auf der einfachsten Ebene zu betrachten: Wir sind hier und atmen. Wenn wir einatmen, ziehen wir Sauerstoff – also die äußere Umgebung – in uns hinein, und wenn wir ausatmen, geben wir Kohlendioxid an die Umgebung ab und verändern diese chemisch. Das ist Kultur, und durch diese Aktivität, dieses Hin und Her im Laufe der Zeit, entwickeln wir uns ständig weiter. Es geht nicht um Hierarchie, es geht darum, die beste Version unserer selbst zu werden.
Einmal hatte ich das Vergnügen, Eric Betzig, den Nobelpreisträger für Chemie, während der Nobelpreisträgerwoche in Stockholm kennenzulernen. Ich hatte das Glück, mich mit ihm zu unterhalten, und im Laufe unseres Gesprächs sagte er mir: „Das Leben ist eine Illusion. Es ist nichts weiter als eine animierte chemische Kettenreaktion.“ Das war das erste Mal, dass ich diesen Gedanken hörte, und er hat mich völlig überwältigt. Ich kannte bereits Steven Pinkers Das unbeschriebene Blatt, aber das Verständnis unserer Biologie und dessen, was uns wirklich zu Menschen macht, hängt ganz vom jeweils nächsten Moment ab. Es ist, als würden wir uns selbst als Zeichentrickfilm vorstellen: Das nächste Bild, die nächste chemische Reaktion, die stattfinden wird, erzeugt die Spannung, was als Nächstes passieren könnte. Das ist das Gefühl, die Essenz des Lebens.
Im Laufe der Geschichte haben wir verschiedene Bildsprachen und Vokabulare entwickelt, um Erfahrungen zu definieren. Wir haben versucht, Erfahrungen zu intensivieren und den Gesten, die wir in unserer Welt ausführen, Bedeutung zu verleihen. Die Kunst besitzt die tiefgreifende Fähigkeit, uns mit unserer kulturellen und biologischen Geschichte zu verbinden. Wenn wir eine Oper, ein Theaterstück oder ein Ballett erleben, erleben wir gleichzeitig Geschichte und den gegenwärtigen Moment. Wir werden von ähnlichen Eindrücken und Empfindungen angeregt, die ein früheres Publikum zu seiner Zeit erlebt hat, doch die Oper wandelt sich stets, um auf den Moment zu reagieren. Die Oper übersetzt ihre ursprüngliche Geschichte, ihre ursprünglichen Reize, in die Sprache unserer historischen Gegenwart. Sie ist so kraftvoll, weil es, obwohl sich Sänger, Musiker, Bühnenbilder und Orchester – bis hin zu den Instrumenten selbst, die sich normalerweise bei jeder Wiederaufnahme ändern – immer einen zugrunde liegenden Charakter gibt, eine Struktur, die gleich bleibt und das Publikum in eine Erzählung hineinzieht, die die Zeit überdauert.
König Ludwig II., beflügelt von seiner Liebe zu Richard Wagners Werken, suchte den Kontakt zum Komponisten und knüpfte eine Beziehung zu ihm. Durch die Unterstützung, die König Ludwig II. Wagner zuteilwerden ließ, konnte Wagner Werke wie den Ring-Zyklus schaffen, dessen zweiter Teil ein Höhepunkt der diesjährigen Münchner Opernfestspiele ist.
Ein weiteres wunderbares Beispiel ist das unbeschwerte, vergnügliche Erlebnis von Die Fledermaus, der Operette, mit der das letzte Jahr endete. Zu Silvester bin ich mit meiner ganzen Familie nach München gefahren, um die Aufführung zu sehen, und es war ein so erhebendes Erlebnis von absoluter Extravaganz und purem Vergnügen, geprägt von Lebhaftigkeit, Verspieltheit und Lebensfreude. Es ist, als würde die Kraft des Lebens in manchen Momenten nach außen explodieren – der Lärm, das Knistern, das Knallen –, und all unsere Sinne werden geschärft.
Die Oper ist eine ganz besondere Kunstform, die wir während der Festspiele glücklicherweise Abend für Abend erleben dürfen. In den kommenden Wochen wird München diese Dynamik erleben, in der uns kraftvolle Gefühle, Emotionen und die Essenz des Möglichen zugänglich werden. Ich glaube, dass die Kraft der Kunst und Kultur, die wir während der Festspiele durch Oper, Musik und Ballett sehen werden, lebensverändernd sein wird, wenn wir uns nur dafür öffnen, sie zu erleben.
Was uns bei den diesjährigen Münchner Opernfestspielen erwartet, sind bemerkenswerte Inszenierungen wie Wagners Die Walküre, Georg Friedrich Händels Alcina, Brett Deans Of One Blood und die Ballettpremiere Konstellationen – mit all den Klängen, Harmonien, Stimmen, Bildern und Emotionen, die diese Formen des erzählerischen Geschichtenerzählens hervorrufen können.
Ist es nicht wunderbar, am Leben zu sein und die Kunstformen zu genießen, die uns die Münchner Opernfestspiele bieten? Ich freue mich sehr, heute Abend mit Ihnen allen hier zu sein, um dieses einzigartige kulturelle Ereignis zu feiern.