PLÄDOYERS

Eine Betrachtung der (Un-)Taten von Opern- und Ballettprotagonist:innen

 

In einem Gerichtsprozess bilden die Plädoyers die zusammenfassenden Schlussreden der Verteidigung sowie der Anklage, bevor ein Urteil darüber gefallt wird, ob der Angeklagte im juristischen Sinn schuldig oder unschuldig ist. Nicht selten entspringen Handlungen von Theaterfiguren Extremsituationen, in denen die Trennschärfe zwischen richtig und falsch aus ethischer Perspektive verschwimmt. Welche Intentionen stecken hinter Grenzüberschreitungen? Und kann der Zweck die Mittel heiligen? Im Rahmen unseres Festspiel-Fokus werden vor ausgewählten Vorstellungen die (Un-)Taten der im Anschluss auf der Bühne agierenden Protagonisten befragt. So hält in Richard Wagners Die Walküre gerade Wotan als oberster Verwalter göttlicher Gesetze ein Plädoyer für einen menschlichen Helden, der sich löse vom Göttergesetz. Denn „so nur taugt er zu wirken die Tat, die, wie not sie den Göttern, dem Gott doch zu wirken verwehrt“. Leonore setzt sich in Beethovens Befreiungsoper Fidelio gegen das ihrem Ehemann Florestan widerfahrene Unrecht zur Wehr, wenn sie ihn aus dem autokratisch geführten Staatsgefängnis zu retten versucht. Um seine Geliebte Agathe heiraten zu können, lässt sich Max in Carl Maria von Webers Der Freischütz mit dem Bösen ein und bringt so die Gesellschaft gegen sich auf. Marguerite, die Protagonistin in Die Kameliendame, hat als Kurtisane die bürgerlichen Normen überschritten, reklamiert aber für sich dennoch das Recht auf die Erfüllung des Verlangens nach der großen, einzigen Liebe. Und in Brett Deans Oper Of One Blood kulminiert schließlich der Machtkampf zweier Herrscherinnen in einem Gerichtsprozess und der Hinrichtung Mary Stuarts. Nachdem wir uns 2025 unter dem Thema „Mythos und Musiktheater“ im RHEINGOLD bar-bistro und in Münchner Galerien für Vorträge, Lesungen und Ausstellungsführungen versammelt haben, werden nun juristische, gesellschaftliche und zwischenmenschliche Transgressionen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, und es soll den dahinter verborgenen moralischen Implikationen nachgespürt werden.

Eintritt frei; keine Eintrittskarte erforderlich.

OF ONE BLOOD

Sa, 27.06.26, 17:30 Uhr

Vortrag: Prof. Dr. mult. Lydia Hartl (Kulturwissenschaftlerin/Medizinerin/Psychologin)

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DIE WALKÜRE

So, 28.06.26, 15:30 Uhr

Vortrag: Dr. Sergej Liamin (Germanist)

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OF ONE BLOOD

Mo, 29.06.26, 17:30 Uhr

Vortrag: PD Dr. Georg Eckert (Historiker)

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DIE WALKÜRE: Geschwisterliebe

Mi, 01.07.26, 15:30 Uhr

Lesung: Tara Ewers (Schauspielerin)

Geschwisterliebe in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften
Im Streitgespräch zwischen Wotan und Fricka im zweiten Aufzug von Richard Wagners Walküre empört sich die Gattin und Hüterin der Ehe über die Blutsschande, die mit dem Bund des Zwillingspaars Siegmund und Sieglinde in einer Mondnacht einhergegangen sei: „Mir schaudert das Herz, es schwindelt mein Hirn: bräutlich umfing die Schwester der Bruder!“ Im Ring des Nibelungen kann jedoch nur aus dieser normwidrigen Verbindung der freie Held Siegfried hervorgehen. Die geschwisterliche Liebe wird auch in Robert Musils monumentalem Roman Der Mann ohne Eigenschaften thematisiert. Mit der platonischen und auch explizit physischen Verbindung seines Protagonisten Ulrich mit dessen Zwillingsschwester Agathe schildert der österreichische Schriftsteller eine Utopie, in der Gegensätze verschmelzen und sich das Ich als menschliche Identität mit der Natur und der Welt als allem Nicht-Ich vereint. Im Nachlass zu dem gewaltigen Fragment findet sich das Kapitel „Beginn einer Reihe wundersamer Erlebnisse“. Wir werden Zeuge von „Mondgesprächen“ zwischen Ulrich und Agathe, in denen auch der Schluss gezogen wird, dass „jeder Vorgang in Mondnächten die Natur des Unwiederholbaren“ habe.

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DIE WALKÜRE: (Kein) Freispruch für Siegmund

Mi, 08.07.26, 15:30 Uhr

Vortrag: Prof. Dr. Arne Stollberg (Musikwissenschaftler)

(Kein) Freispruch für Siegmund
Über die Schuldunfähigkeit eines traurigen Helden
Siegmund ist in mancherlei Hinsicht die traurigste Gestalt der Ring-Tetralogie: ein Outlaw, der nicht weiß, weshalb er ein Outlaw ist; der nicht versteht, warum ihm als das „Rechte“ erscheint, was seinen Mitmenschen „arg“ dünkt, während das für ihn „Schlimme“ allgemein hohe „Gunst“ genießt. Zum „freien Helden“ möchte ihn sein als Wälse auftretender Vater Wotan formen, zur Verkörperung einer Gesetzlosigkeit, die paradoxerweise den Zweck erfüllen soll, gerade dasjenige zu stützen, wogegen sie opponiert: die auf Verträgen beruhende Ordnung des Staates. Kann jemand für ein Handeln verantwortlich gemacht werden, von dem er gar nicht weiß, dass es gegen Gesetze verstößt, weil seine Erziehung darauf ausgerichtet war, ihn hierüber im Unklaren zu lassen? Vertrackte juristische Denkfiguren sind es, die Wagner in der Walküre zum Thema macht. Schon innerhalb eines Gerichtsprozesses wäre die verhandelte Materie äußerst komplex. Wie aber wird daraus sinnfälliges Musiktheater?

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DIE KAMELIENDAME: In Schönheit sterben

Fr 10.07.26 18:00 Uhr

Vortrag: Prof. Dr. Tina Hartmann (Literaturwissenschaftlerin/Librettistin)

In Schönheit sterben
Seit Novalis seiner angebeteten Sophie hinterherstab, galt die Tuberkulose als Krankheit der Dichter und schönen Mädchen. Die Verbindung zur Liebe liegt damit auf der Hand. Dabei war sie tatsächlich die Krankheit der Armut, der Unterernährung und der engen, schlechtgelüfteten Zimmer; hoch ansteckend, was aber im 19. Jahrhundert nicht bekannt war. Mit ihr haftet der inmitten der Pariser High Society so schön blühenden wie rasch welkenden ‚Kameliendame‘ das Stigma ihrer ärmlichen und zweifehlhaften Herkunft an. Kaum ein Stoff hat das 19. Jahrhundert so elektrisiert wie die tragische Geschichte der romantisch liebenden Mätresse mit ihren Fragen nach Schicksal, Verantwortung und Schuld. Vor und nach Verdis La traviata entstanden Dramatisierungen und die Rolle der Marguerite gehörte zu den wichtigsten von Sarah Bernhard, die das gestische Potenzial des Stoffes für den Stummfilm entdeckte. 
Schönheit, Krankheit und Erinnerung verschränken sich auch in John Neumeiers Ballett und bei der Frage, wie Tuberkulose-Bakterien den Eintritt in die Gesellschaft ebnen und diese zugleich davor schützen, dass sich eine nach den moralischen Vorstellungen der Zeit „gefallene Frau“ dauerhaft darin einnistet.

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FIDELIO: Das Werk als Werkstatt

So, 12.07.26, 17:30 Uhr

Vortrag: Prof. Dr. Stephan Mösch (Musikwissenschaftler)

Das Werk als Werkstatt
Für Beethoven kam das Thema „Fidelio“ nie zur Ruhe. Drei Fassungen eigenen Rechts gibt es, vier Ouvertüren. Im Nachlass des Komponisten fanden sich weitere Bausteine. Das Stück hat etwas Unabgegoltenes, es kommt auch in den Aufführungen bis heute nicht zur Ruhe. Als Beethoven daran arbeitete, herrschte Krieg. Wien war belagert von französischen Truppen. Die Botschaft ist die einer Befreiung, einer Utopie. Dennoch ließ sich Fidelio in verschiedenster Weise nutzen: Die Oper ist politisch missbraucht worden und hat sehr unterschiedlichen Regimes als Aushängeschild gedient. Warum war das möglich? Warum sind Aufführungen des Stückes bis heute eine Herausforderung? Wovon lebt Beethovens Musik? Wie stellt er sich und uns seine Protagonistinnen und Protagonisten vor? Der Vortrag von Prof. Dr. Stephan Mösch geht solchen Fragen nach und enthält auch Hörbeispiele.

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FIDELIO

Di, 15.07.26, 17:30 Uhr

Vortrag: Robert Maschka

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FIDELIO: Das Labyrinth

Sa, 18.07.26, 17:30 Uhr

Lesung: Julian Plattner (Schauspieler)

Das Labyrinth der Zeit in Jorge Luis Borges’ Der Garten der Pfade, die sich verzweigen
Es ist die letzte Vorstellung von Calixto Bieitos Fidelio-Inszenierung, die seit ihrer Premiere am 21. Dezember 2010 über vierzig Mal im Münchner Nationaltheater gezeigt worden ist. Der spanische Regisseur hat sich für seine Deutung von Beethovens „Rettungsoper“ einst von dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges, einer Schlüsselfigur des Magischen Realismus, inspirieren lassen. Insbesondere dessen Faszination für Labyrinthe, die in mehreren seiner Texte Niederschlag gefunden hat, stand Pate für das Bühnenbild von Rebecca Ringst: Denn hier ist nicht nur Florestan Gefangener unter der autokratischen Willkürherrschaft Pizarros, sondern das gesamte Figurenpersonal irrt in einem gewaltigen, scheinbar ausweglosen Labyrinth umher. Bieito ergänzte für seine Inszenierung das gesungene und gesprochene Libretto durch Texte von Borges und Cormac McCarthy. So rezitiert Pizarro vor seiner Auftrittsarie aus Borges’ Erzählung Der Garten der Pfade, die sich verzweigen: „Wer ein grässliches Unternehmen ausführt, muss sich vorstellen, dass er es bereits vollbracht hat“. Der Text erzählt von einem Agenten des Deutschen Reichs während des Ersten Weltkriegs und einem rätselhaften „unsichtbaren Labyrinth aus Zeit“.

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DER FREISCHÜTZ: Ein Zwiegespräch

So, 26.07.26, 16:30 Uhr

Lesung: N. N.

„So sind Kaspar und Samiel ein und derselbe“: Ein Zwiegespräch mit dem Teufel in Thomas Manns Doktor Faustus
In Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Webers Freischütz tritt nicht, wie sonst üblich, ein Schauspieler auf, der Samiel in der Wolfsschlucht seine Stimme verleihen würde. Stattdessen führt hier Kaspar ein Zwiegespräch mit sich selbst, wenn der Pakt mit dem Bösen erneuert wird. Auch der fiktive Komponist Adrian Leverkühn ist in Thomas Manns Roman Doktor Faustus den Verführungen des Teufels ausgesetzt. In der dämonischen Atmosphäre eines Bordells spekuliert der Protagonist über seine göttliche Errettung, indem er auf dem Klavier einen „aufhellenden Halbton-Abstand wie im Gebet des Eremiten im Freischütz-Finale“ moduliert. Und im 25. Kapitel kommt es zu einem ausführlichen Zwiegespräch mit demjenigen, der auch bei Thomas Mann „Samiel“ genannt wird. Aus dieser Begegnung, an deren Wirklichkeit Adrian Leverkühn selbst zweifelt, wird im Rahmen des Festspiel-Fokus ein Ausschnitt gelesen.

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DER FREISCHÜTZ: High Risk, High Gain?

Mi, 29.07.26, 17:30 Uhr

Vortrag: Prof. Dr. Jasmin Mersmann (Kunst- und Kulturhistorikerin)

High Risk, High Gain? Zum Teufelspakt in Webers Freischütz und darüber hinaus
Sei es Liebe, Ehrgeiz, Geldnot, Jagdeifer oder Wissensdurst – unterschiedlichste Motive treiben Menschen zu der Untat schlechthin: dem Bund mit dem Teufel. In Webers „Freischütz“ kämpft Max um seine Zukunft mit Agathe – und in Tcherniakovs Inszenierung zudem um die Firma ihres Vaters. Sein Freund Kaspar ringt mit Eifersucht und anderen inneren Dämonen. Ausgehend von der berühmten Wolfsschluchtszene untersucht der Vortrag das Motiv des Teufelspakts in Oper, Literatur und Wirklichkeit. Denn Teufelspakte waren nicht nur Fiktion oder Metapher, sondern auch eine historische Realität, die blutige Spuren in Archiven hinterlassen hat.

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