PLÄDOYERS
Eine Betrachtung der (Un-)Taten von Opern- und Ballettprotagonist:innen
In einem Gerichtsprozess bilden die Plädoyers die zusammenfassenden Schlussreden der Verteidigung sowie der Anklage, bevor ein Urteil darüber gefallt wird, ob der Angeklagte im juristischen Sinn schuldig oder unschuldig ist. Nicht selten entspringen Handlungen von Theaterfiguren Extremsituationen, in denen die Trennschärfe zwischen richtig und falsch aus ethischer Perspektive verschwimmt. Welche Intentionen stecken hinter Grenzüberschreitungen? Und kann der Zweck die Mittel heiligen? Im Rahmen unseres Festspiel-Fokus werden vor ausgewählten Vorstellungen die (Un-)Taten der im Anschluss auf der Bühne agierenden Protagonisten befragt. So hält in Richard Wagners Die Walküre gerade Wotan als oberster Verwalter göttlicher Gesetze ein Plädoyer für einen menschlichen Helden, der sich löse vom Göttergesetz. Denn „so nur taugt er zu wirken die Tat, die, wie not sie den Göttern, dem Gott doch zu wirken verwehrt“. Leonore setzt sich in Beethovens Befreiungsoper Fidelio gegen das ihrem Ehemann Florestan widerfahrene Unrecht zur Wehr, wenn sie ihn aus dem autokratisch geführten Staatsgefängnis zu retten versucht. Um seine Geliebte Agathe heiraten zu können, lässt sich Max in Carl Maria von Webers Der Freischütz mit dem Bösen ein und bringt so die Gesellschaft gegen sich auf. Marguerite, die Protagonistin in Die Kameliendame, hat als Kurtisane die bürgerlichen Normen überschritten, reklamiert aber für sich dennoch das Recht auf die Erfüllung des Verlangens nach der großen, einzigen Liebe. Und in Brett Deans Oper Of One Blood kulminiert schließlich der Machtkampf zweier Herrscherinnen in einem Gerichtsprozess und der Hinrichtung Mary Stuarts. Nachdem wir uns 2025 unter dem Thema „Mythos und Musiktheater“ im RHEINGOLD bar-bistro und in Münchner Galerien für Vorträge, Lesungen und Ausstellungsführungen versammelt haben, werden nun juristische, gesellschaftliche und zwischenmenschliche Transgressionen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, und es soll den dahinter verborgenen moralischen Implikationen nachgespürt werden.