Mieczysław Weinberg – Vier Episoden

über den Komponisten, sein Schaffen und die Oper

Text: Verena Mogl

Vor knapp zwanzig Jahren hörte ich das erste Mal eine Aufnahme von Mieczysław Weinbergs Klavierquintett op. 18. Das war ergreifend – und zugleich erschütternd, im doppelten Sinne: Wie konnte es sein, dass ich als Studentin der Musikwissenschaft, deren Schwerpunkt auf der Musik Russlands und der Sowjetunion lag, nie zuvor von Weinberg gehört hatte?

Es begann eine Spurensuche, die im Grunde bis heute andauert. Und nach dem Besuch der szenischen Uraufführung der Passagierin 2010 in Bregenz beschloss ich, dem Werk einen großen Teil meiner Dissertation zu widmen. Denn was Weinberg gesagt hat, ist wahr: die Passagierin ist sein wichtigstes Werk. In ihm kulminiert sein Schaffen. Und die Passagierin lag ihm am Herzen, weil dort nicht nur Themen behandelt wurden, die auch seine Biografie betrafen, sondern weil dieses Werk maßgeblich nach einer polnischen Vorlage entstanden war. In seinen Werken vertonte er immer wieder die Sprache, die er am meisten liebte: Polnisch. Doch genau entlang dieser Sprache verlief auch der „unheilbare erzwungene Riss“ (Edward Said) des Exils. Denn in der Sowjetunion hatte Weinberg zwar – allen Schwierigkeiten zum Trotz – sein kreatives Zuhause gefunden, doch seine Muttersprache vermisste er schmerzlich.

2017 kehrte die Passagierin zurück nach Moskau und wurde an zwei Opernhäusern gleichzeitig gespielt. Zofia Posmysz, die bei den Aufführungen zugegen war, wurde am Ende einer Premiere auf die Bühne gebeten. Und in dem Moment, als die damals fast 94-jährige auf der Bühne stand, um den tosenden Applaus des Publikums entgegenzunehmen, war es, als sei die Oper endlich „heimgekehrt“.

Auf dieser Seite finden Sie vier Kapitel über Weinberg und die Passagierin. Es geht darin um Weinbergs kompositorisches Ausloten der eigenen Identität als Pole und Jude, die Veränderungen der Stoffvorlage von Posmysz, die kompositorische Beschaffenheit der Oper und letztendlich um die Nicht-Rezeption des Stücks. Weinbergs Werk ist von einer Unmenge an Querverweisen, Allusionen und Doppeldeutigkeiten durchzogen. Eine klingende Autobiografie, die jedoch nur teilweise preisgibt, worüber der Komponist nie sprechen konnte oder wollte. Es gibt noch viel zu tun, denn auch weiterhin harren viele seiner Werke ihrer Uraufführung.

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Falls Sie auf Begrifflichkeiten gestoßen sind, die Sie gerne noch einmal nachschlagen möchten, haben wir ein Glossar rund um die Themen der Neuproduktion Die Passagierin erstellt.

© Yvonne Schmedemann

Verena Mogl

Verena Mogl, 1976 im niederbayerischen Vilsbiburg geboren, studierte an der Universität Hamburg Historische und Systematische Musikwissenschaft sowie Neuere deutsche Literatur. Nach ihrem Abschluss war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Forschungsprojekt zu der Sängerin und Komponistin Pauline Viardot an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Dort war sie von 2018 bis 2021 auch Projektleiterin und künstlerische Leiterin der „akademie kontemporär“. Seit 2018 lehrt sie im Fachbereich Musikwissenschaft, ihre Forschungsschwerpunkte sind russische und sowjetische Musik sowie der Themenbereich Musik und Symbolismus. 2014 verfasste sie ihre Dissertation zu Mieczysław Weinberg, die unter dem Titel „Juden, die ins Lied sich retten“ – Der Komponist Mieczysław Weinberg (1919–1996) in der Sowjetunion veröffentlicht wurde.

Die Passagierin

Oper in zwei Akten (Komposition 1968, konzertante Uraufführung 2006)